Buttjer-Story Nr.5: Betrunkener Reiter am Kuhthor

Buttjer-Story Nr.5: Betrunkener Reiter am Kuhthor

Buttjer-Story Nr.5: Betrunkener Reiter am Kuhthor 380 216 Mindener Bürgerbataillon e.V.

Der Mindener Buttjer war schon seit ein paar Wochen ziemlich wehmelich, denn das Freischießen 2010 kündigte sich an.

Mit Freude dachte er zwei Jahre zurück. 2008 hatten die Mindener ein tobiftes Fest gehabt. Das Wetter hatte mitgespielt, die Bevölkerung feierte mit den Kompanien in der Innenstadt und alle Teilnehmer waren zufrieden. Die „Grimpen“ hatten nach langen Jahren durch den Ehren-Vizefeldwebel Jürgen Gronert die 1. Königswürde errungen und die „Vierte“ hatte über ihren König, den Vizefeldwebel Siegfried Heuke, gejubelt. Alles war intacko und kameradschaftlich verlaufen. Es hatte keine Klagen oder andere Vorkommnisse gegeben.

Früher war das oft anders und das wusste der Mindener Buttjer nur zu genau.

So gab es 1798 doch ziemlich viel Schasko. Man muss wissen, dass es damals für die Mindener Bürger eine Pflicht war, am Scheibenschießen teilzunehmen und mit der Bürgerschaft zum Schweinebruch heraus und nach dem Schießen wieder herein zu teilacken. Wer sich weigerte, musste Strafe schucken.

Es wurde reichlich Alkohol gepient – und das führte auch zu Ärgernissen und Streitereien. Am 20. Juni 1798 tat sich besonders der Bürger Henrik Lohrmann von der 6. Compagnie hervor. Er sorgte auf dem Schießplatz für Unruhe und nannte den Corporal Zürner wiederholt einen lumpen Corporal. Möglicherweise war der Stänkerer ein Sohn von Jobst Hinrich Lohrmann, der 1759 in der Schlacht bei Minden zu Ruhm gelangt war, und meinte deshalb, dass er sich solche Ausfälle leisten könnte.

Sein Saufkumpan war der Bürger Hüsener. Weil er sturzbetrunken war, hatte man ihm das Gewehr abgenommen, das er aber vehement zurückforderte. Als man das ablehnte, weigerte er sich, mit in die Stadt zu teilacken. Nachdem dann die neuen Könige die Kronen auf dem Schero hatten, war Hüsener so kolone, dass er behauptete, er habe den besten Schuss getan. Auch Lohrmann setzte sein Ramauken fort – auch gegen den Capitain der 6. Compagnie, Herrn Hohlt.

Die Bürger Uhrmacher Walter sen. und Böttcher Homann forderten den Adjutanten Tietzel auf, den Lohrmann zu besänftigen. Mit guten Worten konnte er ihn belatschern. Lohrmann buckte ihm das Fehmchen und versprach, sich wie ein honetter Bürger zu betragen. Kaum hatte sich Tietzel entfernt, ging das Ramentern aber weiter und das Collegium wurde gebeten, zur Erhaltung der Ruhe, den Lohrmann in den Stillepeng zu befördern. Adjutant Tietzel machte sich dann mit dem Fähndrich Kleine auf zum Zelt des Gastwirts Bode, wo der Lohrmann schickerte und beorderte die Wache vor das Zelt. Als der Peruquier (Perückenmacher d. Red.) Lose die Wache bemerkte, legte er sich mit ihr an und wollte sie kuren. Dabei wurde die ganz neue Weste des Bürgers Lax zerrissen. Die Wache ließ sich das natürlich nicht gefallen, und Lose holte sich einige Dellen und Beulen an Schero und Körper. Seitens der Wache geschah dies aus Notwehr.

Im Zelt des Festwirtes Bode, wo der Lohrmann verhaftet werden sollte, mischte sich nun der Gastwirt Fehr ein. Er beschimpfte den Adjutanten Tietzel und wollte die Festnahme verhindern. Auch er war total kolone. Als dann die Bürgerschaft wieder in die Stadt teilackte, hatte sich Fehr einen Zossen besorgt, weil er nicht mehr richtig natschen konnte. Schwankend auf dem Pferd erschien er am Kuhthor und versuchte wiederholt die Reihen des Bataillons zu durchbrechen. Adjutant Tietzel war mit seinem Pferd sofort zur Stelle und ersuchte ihn freundschaftlich, durch das Neue Thor zu reiten. Fehr benahm sich wie ein heiopeio. Oder er tat nur so, als wolle er ihn nicht verstehen und lallte immer wieder: „Was wollen Sie?“

Am 4. Juli 1798 fand dann eine Besprechung des gesamten „Bürger Officiers Collegio“ statt, in der diese Vorkommnisse besprochen wurden. Das Collegio beschloss, die Vorkommnisse an die Stadt zu melden und eine Bestrafung zu verlangen. Dies geschah dann auch.

Kleines Buttjer-Lexikon

wehmelich : unruhig
tobifte : sehr schön
intacko : Ordnung
Schasko : Durcheinander
teilacken : laufen, gehen
Schero : Kopf
kolone : betrunken
Ramauken : Krach schlagen
belatschern : überreden
bucken : geben
Fehmchen : Hand
ramentern : wühlen, stänkern
Stillepeng : Kittchen, Gefängnis
schickern : trinken
kuren : schlagen, hauen
Rosch : Kopf
Zossen : Pferd
natschen : gehen
Heiopeio : Idiot