Freischießen

Das Fest mit Tradition

Freischießen-Storys

Mindener Geschichte, insbesondere die des Bürgerbataillons, muss nicht immer bierernst und …

Freischießen-Storys

Kopfschütteln, Schmunzeln, Achselzucken oder lautes Gelächter

Mindener Geschichte, insbesondere die des Bürgerbataillons, muss nicht immer bierernst und trocken sein. Ganz im Gegenteil: Sie kann auch dazu führen, dass der Betrachter oder Leser freudig in die Hände klatscht und gutgelaunt sein Tageswerk verrichtet. Und genau das beabsichtigt die älteste Mindener Institution mit der Fortsetzung ihrer Vor-Freischießen-Serie, in der in erster Linie nicht die Geschichte im Mittelpunkt stehen soll, sondern vielmehr „Geschichtchen“ in der Geschichte.

Und dazu hat das Bürgerbataillon einen wirklichen Fachmann gewinnen können, ein echtes Mindener Original: der Mindener Buttjer wird sich in den folgenden Beiträgen mit Zwischenfällen befassen, die schriftlich niedergeschrieben worden waren.

„Exzesse“, wie sie bei der Suche nach neuen geschichtlichen Erkenntnissen im Kommunalarchiv in diversen Unterlagen vergangener Jahrhunderte zum Vorschein kamen. Und über alles wird auszugsweise in jener Sprache berichtet, die seinem Zuhause entsprang: der Buttjer-Sprache.

  • Karikatur von Klaus Holthaus

    Am 12. März 1790 hatten die Stadtoffiziere des Mindener Bürgerbataillons die Faxen dicke. Stadtmajor Grotjahn und alle anderen Offiziere – es waren damals 15 Latschos – schrieben an den Magistrat eine saftige Beschwerde. Mit „Wohl- und Hochedelgebohrene, Besonders Hochzuehrende Herren“ redeten sie die Vattermänner und Ömmes in der Verwaltung an. Viel Fuhles hatte sich angesammelt und da mussten die Offiziere mal Luft ablassen.

    Es war ja nicht nur das Freischießen, das die Latschos aus dem Bataillon organisieren mussten. Das Bürgerbataillon mit seinen sechs Kompanien war praktisch Mädchen für alles in Minden. Feuerschutz, Wachdienste, Marktaufsicht, Bollwerkdienste, Nachtwächterwesen, Eis-Entfernung an der Weserbrücke und sogar Absperr- und Hilfsdienste bei Hinrichtungen mussten erledigt werden.

    Einmal im Jahr natschten ein Korporal und zwei Nachtwächter von einer Kabache zur anderen und dibberten die Feuerstellen. Feuervisitation nannten sie das. Damals gab es nur offene Feuer in Herden und Kaminen. Dabei waren in Minden verheerende Brände vorgekommen, weil die Vattermänner und Alschen leichtsinnig mit den Feueranstalten umgingen.

    Wenn bei der Visitation etwas nicht intacko war, mussten die Latschos eine Strafe blechen. Wenn sie schi Lobi inne Batiste hatten, wurde ein Pfand mitgenommen. Das konnte dann wieder eingelöst werden oder die Offiziere verscherbelten das Pfand und steckten das Lobi in die eigene Kabisse. Das nun wollte der Magistrat abschaffen – und darüber kam es zu einer schweren Auseinandersetzung zwischen dem Bürgerbataillon und der Verwaltung, weil die Offiziere eine Untergrabung ihrer Autorität dibberten.

    Das Offizierskollegium war außerdem sauer, weil es Mindener Bürger gab, denen die Offizierswürde angeboten worden war, die diese aber grundlos abgelehnt hatten. Die Majestät in Potsdam hatte dazu eine Strafe festgesetzt. Wenn sich die Latschos weigerten, mussten sie 30 Taler schucken. Der Magistrat war aber bei der Festsetzung der Strafe ziemlich lahmarschig. Die Bajuffen waren keine Döllmer und lachten über das Schasko.

    Mit dem Freischießen hatten die Macker vom Magistrat auch nicht viel am Hut. Die Verachtung zeigten sie dadurch, dass sie in den letzten Jahren nicht mehr mit zum Festplatz geteilakt waren.

    Die Offiziere konnten den Chalos in der Verwaltung nicht verklickern dass sie mehr Unterstützung haben müssten. Die Folge: Sie ließen das Freischießen 1790 ausfallen.

    Kleines Buttjerlexikon

    Latscho : Mindener
    Vattermann : guter Freund
    Ömmes : Freund, Bekannter
    Fuhles : Unangenehmes, Schlechtes
    natschen : gehen, laufen
    Kabache : Hütte, Unterkunft
    dibbern : sehen
    Alschen : Frauen, Damen
    intacko : in Ordnung sein
    blechen : bezahlen
    Lobi : Geld
    Batiste : Tasche
    schi Lobi inne Batiste : kein Geld in der Tasche
    verscherbeln : verkaufen
    Kabisse : Kasse
    schucken : bezahlen
    Bajuffen : Trottel, komischer Typ
    Döllmer : Dummkopf
    Schasko : Durcheinander
    teilacken gehen, laufen, schreiten
    Chalo : Kerl
    verklickern : klar machen, erklären

  • Karikatur von Klaus Holthaus

    Im Winter 1789 mussten sich die Mindener Latschos und Alschen warm anziehen. Klirrender Frost und Nordwind sorgten dafür, dass sie lieber in der Mitsche blieben als zur Maloche zu teilacken. Doch all das half nichts. Sie mussten trotzdem raus zum Rackern, weil die Weser zugefroren war und Eisschollen einen Stau vor der Brücke verursacht hatten. Die sowieso mujacke Brücke drohte einzustürzen.

    Also musste das Bürgerbataillon antreten. Rott für Rott aus den sechs Kompanie-bezirken versuchte, das Eis auf der Weser vor der Brücke zu entfernen. Das war eine gefährliche Maloche, weil auch nachts gerackert werden musste. Eine tobifte Latüchte gab es damals noch nicht. Wer ausrutschte, ins Pani fiel und dann noch unter das Eis kam, konnte sobutz mulo sein.

    Mit langen Katschos wurde versucht, das Eis zu lösen. Auch Pulver zum Sprengen wurde eingesetzt. Das aber war unmittelbar vor der Brücke zu gefährlich, weil die Brücke dadurch beschädigt werden konnte. Immer musste ein Offizier aus dem Quartier dibbern, dass die Arbeiten intacko waren. Als dann der Stau beseitigt war, schoben die Vattermänner auf der Brücke Wache, um einen neuen Stau zu verhindern. Erst als das Wetter wieder tobifte wurde und das Eis schmolz, konnten die Chalos wieder in ihre Kabache in den Quartieren natschen.

    Für das Mindener Bürgerbataillon war der Ärger aber noch nicht vorbei. Stadtmajor A.F. Grotjahn war ein Jahr im Amt und präsentierte dem Magistrat am 29.12.1789 eine Rechnung in Höhe von 174 Talern für die „Aufeisungskosten“. Die Latschos vom Magistrat wollten das Bataillon aber abkochen und zahlten nur 141 Taler.

    Der neue Stadtmajor Grotjahn aus dem Kuhtorschen Quartier (damals 2. Kompanie) ließ sich so nicht rasieren. Auch abindere Baijes waren vorgefallen, die für das Offzierscorps nicht intacko waren. Wenn nämlich Freischießen war, musste jeder Latscho in Minden mit ausmarschieren, sonst hatte er Lobi zu schucken. Die Döllmer in der Verwaltung waren aber zu meschugge, um die Patte zu kassieren. Sie glaubten den panschen Ausreden der Leisetreter. Stadtmajor Grotjahn forderte daher, dass zwei Tage nach dem Freischießen ein Brüchten-Gericht im Rathaus abgehalten würde, das diese Bajuffen dann bestrafen sollte.

    Wie es bei dem damaligen Magistrat üblich war, wurde eine Antwort auf diese Forderungen zunächst mal auf die labinge Bank geschoben und der Stadtmajor wartete vergeblich.

    Auch weitere Forderungen der Vattermänner aus dem Bataillon an den Magistrat – zum Beispiel, wie sie sich bei entstandener Feuergefahr verhalten sollen oder dass der Magistrat bei der Ernennung eines Stadtoffiziers die Patente für lau und ohne Stempel erteilen sollte sowie auf weitere Moneten des Offiziers verzichten solle – blieben ohne Antwort. Der wackere Stadtmajor Grotjahn, der in den Folgejahren das Mindener Bürgerbataillon wieder richtig in Schwung brachte ließ daraufhin das Freischießen 1790 ausfallen.

    Kleines Buttjerlexikon

    Latscho : Mindener
    Alschen : Frauen
    Mitsche : Bett
    Maloche : Arbeit
    teilacken : gehen, laufen
    Rackern : Arbeit
    mujacke : marode, baufällig
    tobifte : schön, gut
    Latüchte : Lampe, Laterne
    Pani : Wasser
    sobutz : sofort
    mulo : tot
    Katscho : Stange, Stab
    dibbern : sehen, schauen
    intacko : in Ordnung
    Vattermann : guter Freund
    Chalos : Kerle, Leute
    Kabache : Haus, Hütte
    natschen : gehen, schreiten
    abkochen : betrügen, ausnehmen
    rasieren : übervorteilen, beschummeln
    abindere : andere
    Baijes : Sachen
    Lobi : Geld
    Döllmer : Dummkopf
    meschugge : bestusst, doof
    Patte : Geld
    pansch : blöd, verrückt
    Bajuffe : gerissener Kerl
    labing : lang
    für lau : umsonst
    Moneten : Geld

  • Karikatur von Klaus Holthaus

    Am 26. Juni 1793, Mittwoch vor Johanni, feierten die Mindener Latschos ihr Freischießen. Sie latschten in diesem Jahr durch das Kuhthor in den Kuhthorschen Bruch. Dort waren die Zelte aufgebaut worden und dort wurde gedabbert. Das Wetter war schlecht, aber dennoch wurden tobifte Schüsse abgegeben.

    Die Offiziere vom Bataillon hatten Schwierigkeiten mit dem Magistrat gehabt und darum war das Freischießen 1790 ausgefallen. Deswegen durfte in diesem Jahr jeder Latscho zweimal auf die Scheibe dabbern – und es gab zwei Könige und zwei Prämien von 50 Talern.

    Die Grimpen aus der Fischerstadt waren total machulle. Sie konnten sich nicht wieder einkriegen. Ihr Lieutnant Anthon Friedrich Blancke hatte den besten Schuss auf die Scheibe gedabbert und erhielt die erste Prämie. Den zweitbesten Schuß hatte der Bäcker Johann Christian Rathert aus der 2. Kompanie, dem Kuhthorschen Quartier, abgegeben. Auch dort war die Freude schumm.

    Vier Senatoren natschten mit den Königen zurück in die Festung und weil der 1. König ein Stadtoffizier war, teilackten zusätzlich auch alle Fähnriche aus den Kompanien mit.

    Trotz des schlechten Wetters ging auf dem Festplatz alles friedlich und fröhlich zu, und so blieb es auch bis das Bataillon in die Festung teilackte. In den Quartieren sah es ähnlich aus. Überschäumende Freude in der Fischerstadt und im Kuhthorschen Quartier. In beiden Quartieren feierte man ausgelassen bis in den hellen Morgen in bester Stimmung. Die Plemper und der Wein flossen reichlich. Man war stolz darauf, dass die Könige aus der Nachbarschaft stammten

    Der erste König, Lieutnant Anthon Friedrich Blancke, kam überhaupt nicht in seine Mitsche. Er hatte für den nächsten Tag, Donnerstagnachmittag, alle Stadtoffiziere und seine Nachbarn zu Wein und Gebackenem eingeladen. Nach Bekanntwerden der Königswürde durch ihren Lieutnant Blancke hatten die Vattermänner vonner Flinte den Platz vor der Maulschelle zum Dörbiplatz umgebaut und festlich dekoriert.

    Die Fischerstädter hatten endlich wieder einmal einen Grund, ein tobiftes Ereignis zu feiern. Nach der Königsachile, zu der natürlich auch Stadtmajor A.F. Grotjahn erschienen war, ging es fröhlich weiter. Musikanten spielten auf und man schwofte wieder bis in die späte Nacht.

    Die Chalos vom Magistrat hatten nichts zu schneesiebern. Denn: die Fischerstädter hatten ihr eigenes Rathaus mit einem eigenen Bürgermeister.

    Kleines Buttjerlexikon

    Latscho : Mindener
    latschen : gehen
    dabbern : schießen
    tobifte : gut, schön
    machulle : kaputt, aus dem Häuschen
    schumm : groß, dick
    natschen : gehen
    teilacken : laufen, gehen
    Plemper : Bier
    Mitsche : Bett
    Vattermann : guter Freund
    Flinte : Fischerstadt
    Dörbiplatz : Festplatz
    Königsachile : Königsmahl
    Chalo : Kerl
    schwofen : tanzen
    schneesiebern : meckern

  • Karikatur von Klaus Holthaus

    Wenn sich der Buttjer heute mit den Weserspuckern vonner Flinte trifft, dann labern sie auch mal über abilte Zeiten. Die Älteren wissen noch, wie sie unmittelbar nach dem Kriegsende vom Wabisserübungsplatz die Sturmboote von den Pallmachonen, die katrente gezogen waren, geschort hatten. Damit hatten sie eine Fähre über die Weser hinter der Lalla eingerichtet, weil alle Brücken im Pani lagen. 20 Pfennige musste man für ein Überfahrt schucken. Mit Pedo kostete das 50 Pfennige.

    Jedenfalls kam man so über die Weser und viele Latschos teilackten nach Beerenbusch, um da was zum Kottern zu organisieren.

    Natürlich dachten sie auch über das Freischießen nach. Ihre Opas hatten ihnen verklickert, dass früher, 1864, der damalige Stadtmajor von Stephanie auf der Stadtweide, der heutigen Kanzlers Weide, eine feste Kallebache bauen wollte, um da das vom Großen Kurfürsten geforderte „Exercitium des Schießens“ aufzufrischen. Da sollte dann nicht nur beim Freischießen gedabbert werden. Der Stadtmajor hatte einen Plan angefertigt und den Chalos vom Magistrat eingereicht. Eine feste Schießhütte sollte errichtet werden und in einer Entfernung von 250 Schritten Richtung Pochta war der Kugelfang geplant. Zwei Wege zum Natschen sollten an der Weser entstehen. Auf der abinderen rechten Weserseite gab es damals schon ein Glacis und der Platz für das “Rathszelt“ war auch schon eingeplant. Der Stadtmajor wusste, dass die Stadt Minden schi Lobi inner Kabisse hatte. Er schlug deshalb vor, die Kosten für die ganze Anlage durch Privatmittel zu schucken. Außerdem wollte er für den Kugelfang eine Extrazeichnung an die Commandantur einreichen. Eigentlich eine tobifte Idee des Stadtmajors.

    Der Bürgermeister fand den Vorschlag auch tenger. Sobutz schrieb er zurück, dass aber erst noch die Klistiverwaltung schmusen müsste, dass sie einverstanden wären, weil dort Wasser- und Landstraßen angrenzen würden.

    Allerdings waren die Grundstücksanlieger nicht glücklich, dass dort eine Kallebache zum Schießen mit Püstern entstehen sollte. Zudem hatte man Schiss, dass das Pani bei Hochwasser den Schießstand zerstören könnte.

    So blieb es denn bei dem Vorschlag und die Sache verlief im Sande. Bis heute hat das Bürgerbataillon keinen eigenen Schießstand und für das Freischießen müssen die Sachen immer wieder neu zusammenklamüsert werden.

    Kleines Buttjerlexikon

    Flinte : Fischerstadt
    labern : reden erzählen
    Wabisserübungsplatz : Wasserübungsplatz
    Pallmachonen : Soldaten
    katrente ziehen : abhauen, weglaufen
    schoren : entwenden
    Lalla : Eisenbahnbrücke über die Weser
    schucken : bezahlen
    Pedo : Fahrrad
    Latscho : Mindener
    teilacken : gehen, laufen
    Kottern : Essen
    verklickern : erklären
    Kallebache : Hütte
    dabbern : schießen
    Chalo : Kerl
    Pochta : Porta
    natschen : gehen, marschieren
    abindere : andere
    schi Lobi inner Kabisse : kein Geld in der Kasse
    tobifte : gut, famos
    tenger : gut, vorzüglich
    sobutz : sofort
    Klistiverwaltung : Polizeiverwaltung
    schmusen : sagen, zeigen
    Püster : Gewehr
    Schiss haben : Angst haben
    Pani : Wasser
    zusammenklamüsern : zusammenbauen, flicken

  • Karikatur von Klaus Holthaus

    Es war ein tobifter Sommertag in den 50er Jahren. Der Lorenz knallte vom Himmel. Das Thermometer reunte 30 Grad. Die Badecholmen mussten her und die Vattermänner Paul, Heinze und Kurt vonner Flinte hatten sich an der Weser verabredet. Sie wollten dort ins Pani und sich abkühlen.

    Allerdings war das Baden im Pani der Weser nur ein Täuschungsmanöver. Man hatte es auf das Lullibad auf der abinderen Seite abgesehen. Dort teilackte aber der Bademeibirster mit der Kabisse unterm Arm rum – jeder musste Eintritt schucken. Das wollten die Schlawiner vonner Flinte natürlich verhindern und für stattdessen lau dort ins Becken steigen.

    Sie versuchten unbemerkt durch die Weser zu ütern, legten sich am anderen Ufer ins Gras und täuschten ein Sonnenbad außerhalb des Lullibades vor. Immer wenn der Badelatscho nicht dibberte, rückten sie näher an das Becken heran.

    Das Pani war dort sehr viel besser. Es kam aus dem Osterbach. Außerdem war dort ein Einer-Sprungbrett vorhanden. Mit einem tobiften Köpper konnte man den anwesenden Ischen mächtig imponieren. Manche Latschos versuchten es auch mit einer Abirschbobimbe direkt vor der Nase der Angebeteten. Das bewirkte aber auch gelegentlich das Gegenteil.

    Der Badechalo kannte aber natürlich seine Bajuffen vonner Flinte. Seine Pfeife ertönte, er drohte mit einem Katscho und die Weserspucker mussten wieder katrente ziehen zur Weser, durch das Pani zurück zur Flinte. Die Strömung trieb sie dann bis zur Lalla. Von dort teilackten sie schließlich zur Stadtmauer bis zu den Kletterlöchern, die sie dort in die Backmänner eingehauen hatten. Sogar Eisenkrampen waren dort vorhanden.

    Kurt war der Erste, der sich an den Aufstieg machte. Zigmal vorher war er schon hochgeklettert. Er kannte jeden Schritt wie im Schlaf. Aber diesmal rutschte er aus und es begann das Drama an der Ostwand von Minden. Mit einem Fehmchen konnte er sich noch am Stein festkrallen und versuchte, die Eisenkrampe zu greifen. Das misslang und die Mauken konnten auch keinen Halt finden. Verzweifelt sahen Paul und Heinze den Absturz kommen. Aber die beiden Schnasen vonner Flinte fingen Kurt mit Händen und Armen auf. Nichts war passiert.

    Vom Redan an der Weserbrücke hatte der Mindener Buttjer seine Schejes vonner Flinte gedibbert und teilackte auf der Stadtmauer zu ihnen hin. Nachdem sich die Vattermänner bei Kurt umgezogen hatten, natschten sie gemeinsam nach Eta Deerberg, holten sich ne Cola und träumten dann oben auf der Stadtmauer vom nächsten Freischießen – und dem geglückten Sprung vom Einer im Lullibad.

    Kleines Buttjerlexikon

    Lorenz : Sonne
    reunen : anzeigen, sehen
    Badecholmen : Badehosen
    Vattermänner : gute Freunde
    Flinte : Fischerstadt
    Pani : Wasser
    Lullibad : Ludwigsbad „TV Jahn Minden“
    abindere : andere
    teilacken : gehen, laufen
    Bademeibirster : Bademeister
    Kabisse : Kasse
    schucken : bezahlen
    Schlawiner : Schlaumeier
    für lau : umsonst
    ütern : schwimmen
    dibbern : sehen
    tobifter Köpper : guter Kopfsprung
    Ischen : Mädchen
    Latscho : Mindener
    Abirschbobimbe : gehockter Fußsprung
    Bajuffe : schräger Typ
    Katscho : Stock, Knüppel
    katrente ziehen : abhauen, weglaufen
    Lalla : Kleinbahnbrücke über die Weser
    Backmänner : große Steine
    Fehmchen : Hand
    Mauken : Füsse
    Schnasen : Freunde
    natschen : gehen, schreiten

  • Karikatur von Klaus Holthaus

    Jeder Latscho, der heute am Freischießen teilnimmt, versucht die Königswürde zu erringen und in der Kutsche mit der Krone auf dem Schero durch die Stadt zu fahren. Um das Lobi braucht er sich keine Sorgen zu machen. Die Kompanien freuen sich über diesen Massel so, dass viele Vattermänner Lobi locker machen und den König unterstützen. Außerdem buckt die Regierungspräsidentin ebenfalls Lobi in Höhe von 150 Euro. Das sollen die 50 Taler sein, die früher Preußen für den König beschuckte. Auch der Mindener Bürgermeister kommt mit seinem Fehmchen in die Cholme und legt was dazu.

    Aber es gab früher noch andere Freiheiten, die der Mindener Königs-Latscho bekam. Es war daher immer ein Freischießen im wahrsten Sinne des Wortes. Ein Jahr keine Steuer. Zudem wurden die Könige ein Jahr lang von der Einquartierung von Pallmachonen befreit.

    Gegen ein geringes Servisgeld bekamen die Pallmachonen vom Hausbesitzer was zu kottern. Ständig waren drei bis sechs von ihnen im Haus und das morgendliche Getrampel auf der Treppe, wenn sie zum Chinnekär auf dem Hof natschen, nervte stark. Man kann sich vorstellen, was es vor dem Renecke oft für ein Gedränge gab. Eine Privatsphäre gab es bei den Verhältnissen nicht.

    Außerdem mussten die Könige nicht mit auf Wache teilacken und nicht an den Bollwerken malochen.

    Es stellte sich daher oft die Frage, was wären die 50 Taler heute wert. Die Vattermänner von der Kommission Öffentlichkeitsarbeit wollten das nun mal genau wissen. Sie hatten eine Rechnung aus dem Jahr 1703 gedibbert. 20 Offiziere hatten eine Offiziersachile veranstaltet. Alle Scharteken waren darin zu niebeln. Rind- und Kalbfleisch, Salate, Brot und Butter, Matrehlen, Trinkgeld und sogar Tabak und Knösel wurden mit den heutigen Preisen angesetzt. Für diese Achile müsste man heute 774 Euro schucken. Pro Vattermann wären das 38,70 Euro gewesen und das scheint intacko zu sein für ein solches Rallepeng.

    1703 mussten die Latschos dafür drei Taler schucken. Daraus ergibt sich: Wenn drei Taler heute 774 Euro wert wären, dann wären 50 Taler entsprechend 12.900 Euro. Ein tobiftes Lobi für die Könige. Damals war das ein Vermögen.

    Kleines Buttjerlexikon

    Latscho : Mindener
    Schero : Kopf
    Lobi : Geld
    Vattermänner : gute Freunde
    bucken : zahlen
    beschucken : bezahlen
    Fehmchen : Hand
    Cholme : Hose
    Pallmachonen : Soldaten
    Kottern : Essen
    Chinnekär : Lokus, Toilette
    natschen : gehen, laufen
    Renecke : Toilette, Scheißhaus
    teilacken : gehen
    malochen : arbeiten
    berappen : bezahlen
    dibbern : sehen
    Offiziersachile : Offiziersessen
    Scharteken : Sachen
    Matrehlen : Kartoffeln
    Knösel : Pfeifen
    intacko : in Ordnung
    Rallepeng : Mahlzeit
    tobiftes Lobi : schönes Geld

  • Karikatur von Klaus Holthaus

    Buttjer-Storys rund um das Freischießen:

    Wie es in den abilten Annalen steht, haben die Mindener Latschos im Jahr 1800 am 25. Mittwoch vor Johannis das Bürgerfest zum Scheibenschießen veranstaltet. Der Ausmarsch aus der Festung erfolgte durch das Kuhthor und die Bürger teilakten zum Kuhthorschen Bruch, wo auf des Worthalter Tietzels Hude Platz die Schankzelte, Tische und Buden aufgebaut worden waren. Voran mit klingendem Spiel die Militärkapelle aus der Garnison und dahinter Stadtmajor Grotjan auf seinem Zossen. Ihm folgten die Könige von 1798 und die Compagnien mit ihren Fahnen.

    Der Lorenz strahlte vom Himmel und es war ein wunderschön schuckerer Tag. Es war genug Bier zum Pienen und Schickern vorhanden. Viele gossen sich auch Wein hinter die Binde und an vielen Tischen quabilmten die Tonpfeifen und Zigarren. Sofort nach der Ankunft der Bürgerschaften teilakte eine Kompanie nach der anderen zum Schießzelt. Es waren zwei Schießstände vorhanden und das Schießen ging zügig vonstatten.

    Alles war in bester Ordnung. Plötzlich passierte aber etwas, was auch ältere Vattermänner und Freischießen-Kenner noch nicht erlebt hatten. Die Mitglieder der Militärkapelle hatten plötzlich alle eine Macke. Der Paukist dabberte wie ein Irrer auf seine Pauke, der Beckenschläger flippte aus und haute immer wieder seine Becken zusammen. Trompeter und Tubabläser gaben irre Töne aus ihren Instrumenten zum Besten. Die Trommler schmissen ihre Trommelkatschos in die Luft. Es war eine höllische Musik und die Bürger hielten sich die Ohren zu. Die auf dem Festplatz herumstreunenden Keilefs suchten panikartig das Weite.

    Was war passiert? Der Hobist Fricke, der Mitglied der Militärkapelle war und im Kuthorschen Quartier wohnte, hatte bei der 2. Compagnie mitgeschossen und genau auf den Knopf gedabbert. Bis dahin war es der beste Schuss und die Musiker hofften, dass er König werden würde. Das Schießen war aber noch nicht beendet. Jetzt begann für Fricke das Warten und kurz nach der schrägen Katzenmusik fingen die Chalos aus dam Marktquartier an zu krajölen. Denn der Bürger Borchardt hatte ebenfalls den Knopf getroffen. Die Stadtoffiziere nahmen nach dem Ende des Schießens die beiden Knöpfe in Augenschein und entschieden, dass der Hobist Fricke die 1. Prämie und der Bürger Borchardt aus der 1. Compagnie die 2. Prämie bekommen sollte. Und jetzt begann erst richtig der Keif an diesem schönen Tag.

    Einige Querulanten und Schlickenfänger aus der Bürgerschaft fingen an zu schneesiebern, weil der Hobist Fricke nicht mit der Bürgerschaft ausmarschiert war, sondern als Palmachone mit der Musikkapelle und ihm daher nicht die Prämie zustehen würde. Nach den Statuten war das richtig. Stadtmajor Grotjan hielt das aber für Haarspalterei. Der Magistrat wusste auch nicht, was er machen sollte.

    Schließlich erinnerte der Stadtmajor an das Jahr 1784, als dem Zimmergesellen Sieburg durch das königliche Gericht in Potsdam die Prämie zugesprochen worden war, obwohl er auf Order des Magistrates schon vor der Bürgerschaft zum Festplatz gelatscht war und das Ratszelt ausgebessert hatte. Das überzeugte auch den Magistrat und dem Hobisten Fricke wurde die 50 Taler Prämie zugestanden.

    So endete das Scheibenschießen dann doch in Eintracht und Harmonie und die Königskompanien mit den Herren Senatoren begleiteten die Könige in die Stadt zu ihren Kallebachen. Nur die Militärkapelle musste beim Einmarsch auf ihren Hobisten verzichten. Fricke hatte die Krone auf dem Schero und durfte hinterherteilaken.

    Kleines Buttjerlexikon

    Abilte Annalen : alte Aufzeichnungen
    Latschos : Mindener
    teilaken : laufen, gehen
    Zossen : Pferd
    Lorenz : Sonne
    schucker : schön, gut
    schnaffte : schön
    pienen : trinken
    schickern : saufen
    quabilmen : rauchen
    latschen : laufen
    kottern : essen
    achilen : essen
    Vattermann : guter Mann
    dabbern : schlagen
    Trommelkatschos : Trommelstöcke
    Keilef : Hund
    Lawine Epis für lau : Runde Bier umsonst
    Chalo : Kerl
    krajölen : schreien
    Keif : Ärger
    Schlickenfänger : Leisetreter
    schneesiebern : besserwissen
    Pallmachone : Soldat
    Kallebache : Hütte
    Schero : Kopf

  • Karikatur von Klaus Holthaus

    Buttjer-Storys rund um das Freischießen: Hautboisten klagen gegen Herforder Tanz-Kapelle

    In der jetzigen Zeit hatte ein Gatscho, der nicht in Minden wohnt, hier aber ein Baijes am Markt hat, versucht, sämtliche Veranstaltungen in der Stadt zu verbieten. Das Gericht hatte sich aber nicht belatschern lassen und später mit Kläger und Stadt Minden am Tisch eine Lösung gefunden. Musik darf rund um den Marktplatz nicht mehr so lange gemacht werden. Und auch die Theken müssen früher dicht machen.

    Auch beim Freischießen 1843 und seiner Musik gab es seinerzeit Probleme. Seit 1841 wurde das Schützenfest auf Kanzlers Weide gefeiert. Die Pallmachonen der Mindener Garnison freuten sich schon riesig auf die Festtage. Besonders die Hautboisten des 15. Infanterie Regiments waren schon richtig wehmelich. Sie machten nicht nur die Marschmusik zum Aus- und Einmarsch des Mindener Bürgerbataillons, sondern einige von ihnen hatten auch eine Tanzkapelle gegründet und verdienten sich nebenbei beim Schwofen noch ein tobiftes Lobi. Bei den Feierlichkeiten gab es zudem immer die Plemper und die Achile für lau. Und tobiften Ischen waren auch immer da, wo die Musik spielte.

    Die Hautboisten Meyer und Kuhphal wurden vor dem Freischießen schon ziemlich nabelo, weil sie immer noch keine Maloche für die Musik in einem Zelt hatten. Sie stellten fest, dass im Rathszelt 1843 ein Ball stattfinden sollte und der Wirt Henniges dazu Musiker aus Herford engagiert hatte. Sie verzapften Henniges, dass es auch in Minden gute Musiker gäbe, die für ein günstiges Lobi spielen würden. Der Wirt lehnte aber ab. Und so wurde Meyer beim Magistrat vorstellig, weil der Paragraph 5 der Scheibenschieß-Festordnung vorschrieb, dass Auswärtige nur dann ihren Reibach machen dürften, wenn sie etwas zur Unterhaltung bieten könnten, wozu Einheimische nicht in der Lage wären. Beim Magistrat wurde der Hautboist rausgeschmissen. Man war dort der Meinung, dass die Pallmachonen ja auch als Auswärtige angesehen werden müssten.

    Meyer und Kuhphal baten nun die königliche Regierung um Hilfe. Diese wollte sich aber nicht festlegen, gab die Angelegenheit an den Magistrat zurück und schlug eine vernünftige Entscheidung vor. Der Magistrat hatte indes aber Dusel, denn einige Mitglieder der Herforder Kapelle wurden krank und daher musste die Kapelle den Ball absagen. Jetzt kamen die Hautboisten aus Minden zum Einsatz.

    Gespielt wurden damals der Walzer, die Mazurka und hauptsächlich der Ländler. Beim Walzer wurde sehr streng darauf geachtet, dass der Schnase seine Plautze nicht zu nahe an die Wampe der Schei drückte. Etwas Abstand musste sein. Sonst konnte es passieren, das der Hacho, der darauf nicht achtete und wie balabala schwofte und auch noch am rumklamüsern war, durch die Wache des Zeltes verwiesen wurde. Und wenn ein panscher Dampmann kolone war und er sich daneben benahm, konnte ihn der Hauptmann nach Paragraph 37 bis zum nächsten Morgen in das Bürgergehorsam schicken – so nannte man das Stillepeng damals.

    Das kleine Buttjer-Lexikon

    Gatscho : Fremder
    Baijes : Haus
    belatschern : überreden
    Pallmachone : Soldat
    wehmelich : unruhig
    schwofen : tanzen
    tobiftes Lobi : gutes Geld
    Plemper : Bier
    Achile für lau : Essen umsonst
    tobifte Ischen : schöne Mädchen
    nabelo : verrückt
    keine Maloche : arbeitslos
    reunen : staunen, sehen
    teilaken : gehen, laufen
    verzapfen : erklären
    Lobi : Geld
    Reibach : Gewinn, Verdienst
    Bajuffe : gerissener Kerl
    ramauken : Krach schlagen
    Dusel : Glück
    Schnase : Freund, Schnuffel
    Plautze : Bauch
    Wampe : dicker Bauch
    Schei : Frau
    Hacho : alter Gauner
    balabala : verrückt
    rumklamüsern : rumfummeln
    pansch : blöd
    Dampmann : Besoffener
    kolone : betrunken
    Stillepeng : Gefängnis

  • Karikatur von Klaus Holthaus

    Buttjer-Storys rund um das Freischießen: Kaufmann Deppen vom König zu 30 Talern Strafe verurteilt

    Der Mindener Buttjer freute sich schon riesig auf das Freischießen im Juli 2012. Inzwischen war er Stabsgefreiter in seiner Kompanie. Als er sich seine Schmeese andibberte, kam er ins Grübeln und musste an die Uniform der Stadtoffiziere denken, die ja um den Hals noch so ein silbernes Hörnchen baumeln haben. Er wusste, dass das einen Kragen symbolisieren sollte. Was er nicht wusste, war, dass es um eine solche Uniform anno dunnemals schon mal ein richtiges Remmidemmi gab.

    Im Hallerthorschen Quartier (damals 3. Kompanie) war eine Fähndrichstelle neu zu besetzen und der Stadtmajor Gevekoth machte drei Vorschläge: die Kaufleute Mündermann und Deppen und den Goldschmied Koch. Der Stadtrat entschied sich für Koch, der am 23. Januar 1769 zum Fähndrich ernannt wurde. Alles war bis dahin intacko.

    Die Vorschlagsliste hatte weiter Bestand und 1778 benötigte die Fischerstädter Compagnie einen neuen Fähndrich. Der Rath suchte sich Kaufmann Deppen aus. Und jetzt ging das Schasko los. Denn die Kandidaten waren vorher nicht gefragt worden und mussten die Wahl annehmen, andernfalls hagelte es zehn Taler Strafe. Als Deppen von der Wahl erfuhr, stellte er sich meschugge und lehnte ab. Die Stadt wandte sich an den König und der ließ am 7. November 1778 durch die Cammer in Minden urkundlich verkünden, dass die Strafe für die Nichtannahme von 10 auf 30 Taler erhöht würde.

    Deppen gab schließlich klein bei, ließ aber zu Protokoll vertickern, dass er nicht bereit sei, den üblichen Schmaus für die Stadtoffiziere zu blechen und jedem einen silbernen Löffel zu dellen. Außerdem würde er sich nicht die übliche Schmeese der Stadtoffiziere anschaffen. Das brachte natürlich das Stadtoffizier Collegio und den Stadtmajor in Rage. Man konnte zwar auf den Schmaus verzichten, aber die silbernen Löffel seien von alters her Tradition. Auch hinsichtlich der Uniform war das Collegium großzügig. Er könne statt blau, gelb oder grün oder beides zusammen tragen. Die Stadtoffiziere verwiesen aber auf 20 Jahre vorher, als sie sich zu jedem Auszug neue Gewänder machen lassen mussten.

    Wie aus den alten Akten hervorgeht, zeigte sich der Stadtmajor am 10. Dezember 1778 großzügig und teilte dem Rat der Stadt Minden mit, dass man den Kaufmann Deppen für lau aufnehmen würde. Denn Deppen war kein Heiopei und wollte sich die übliche Uniform anschaffen.

    Aus dem Protokollbuch der Stadtoffiziere von 1725 ist aber eine Aufnahme im Jahr 1778 und danach nicht ersichtlich. In dem akribisch geführtem Buch mussten alle neuen Stadtoffiziere mit ihrer Unterschrift bestätigen, dass sie dem Bürgerbataillon in Treue dienen und die Statuten achten würden. Es gab genug andere fähige Latschos in Minden, die man nicht für die Offiziersstelle belatschern musste. Der Name Deppen war nicht darunter. Die Grimpen waren auch froh, dass sie so einen Döllmer nicht als Fähndrich bekamen.

    Kleines Buttjer-Lexikon

    Bladel : Mindener Tageblatt
    Schmese : Anzug
    andibbern : ansehen
    dunnemals : damals
    Remmidemmi : Unruhe
    intacko : Ordnung
    Schasko : Durcheinander
    schnallen : begreifen
    meschugge : bestußt, doof
    Deppen : Dummkopf
    schmusen : sagen
    das Hemd am
    flattern machen : Angst einflößen
    vertickern : erklären
    blechen : bezahlen
    dellen : geben
    Heiopei : Idiot
    schi Lobi : kein Geld
    für lau : umsonst
    Latscho : Mindener
    belatschern : überreden
    Döllmer : Dummkopf

  • Karikatur von Klaus Holthaus

    Buttjer-Storys rund um das Freischießen: Offenes Feuer auf der Straße war strengstens verboten

    Früher, als Habilbstarbirker, war der Mindener Buttjer so´n richtiger Quabilmer gewesen. Viele Pimanjes mussten am Tag dran glauben. Aber später, als er äbilter wurde und manchmal schi Lobi inne Batiste hatte, kam er langsam vom quabilmen ab. Zumal die Pimangos immer teurer wurden. Mit Schrecken hörte er dann davon, wie das viel früher in Minden war.

    Es herrschten harte Vorschriften und das Mindener Bürgerbataillon war für die Bestrafungen zuständig. Offenes Feuer auf der Straße zu entfachen und Tabak zu rauchen war streng verboten. Die schlimmen Feuersbrünste saßen den Mindenern noch in den Knochen und hatten dafür gesorgt, dass die Capitaine in den Quartieren keine Gnade kannten. Wer erwischt wurde, musste Strafe schucken.

    Zwei große Brände hatten in Minden Angst und Schrecken und große Not für die Betroffenen verbreitet. 1705 waren im Greisenbrooke 24 Baijes abgebrannt. Das Feuer war in der Kabache des Bürgers Dröge entstanden, der dann dafür aus der Stadt gewiesen wurde. Kein Wunder, dass bei den Mindenern die Nerven blank lagen, wenn es um offenes Feuer ging. Alle Chalos dibberten in den Straßen, ob einer am quabilmen war oder ob irgendwo hinter den Kallebachen Asche auf den Misthaufen gekippt wurde.

    1726 wurde auf der Diele des Ackerbürgers Schindeler gedroschen und beim reinemachen quabilmten die panschen Drescher Tabak, obwohl noch viel Spreu herumlag. Das dibberte der Nachbar Christopher Terborg und zeigte die Döllmer an, die dann zwei Silbergroschen schucken mussten. Für heutige Zeiten wären das ungefähr 16 Euro. Für damalige Zeiten eine saftige Strafe für einen Knösel.

    Auf offener Straße erwischten die Dibbermänner den Müller Kiekmann, als er sich einen Knösel voll mit Tabak reinzog. Ein Silbergroschen wurde als Strafe verhängt.

    Trotz der Verbote und Strafen ereignete sich aber wieder ein schreckliches Unglück. 1733 wollte der Karrentreiber Pook mit offener Latüchte seinem Vieh was zu achilen geben. Der Stall fing Feuer und wieder brannten 15 Baijes im Greisenbrooke nieder, von denen gerade erst einige wieder aufgebaut worden waren. Noch schlimmer war aber, dass das sechsjährige Kind des Pook in den Flammen umkam.

    Jedes Jahr erfolgten Feuervisitationen durch das Bürgerbataillon. Alle Feuerstellen in den Baijes wurden überprüft und in Augenschein genommen durch einen Korporal und einen Nachtwächter. War ein Ofen machulle, musste eine Strafe entrichtet werden. Wenn der Wohnungsinhaber schi Lobi inne Batiste hatte, musste er ein Pfand dellen, das später verhökert wurde. Das Lobi kam in die Kasse der Stadtoffiziere.

    Kleines Buttjer-Lexikon

    Habilbstabirker : Halbstarker
    Quabilmer : Raucher
    Pimanjes. Pimangos : Zigaretten
    äbilter : älter
    schi Lobi inne Batiste : kein Geld in der Tasche
    schucken : bezahlen
    Baijes : Haus, Häuser
    Kabachen, Kallebachen : Hütten
    Chalos : Männer
    dibbern : sehen
    pansch : blöd, verrückt
    Döllmer : Blödmann
    Dibbermänner : Zuschauer
    Knösel : Tabakpfeife
    Latüchte : Laterne
    achilen : essen
    machulle : kaputt
    dellen : geben
    verhökern : verkaufen

  • Karikatur von Klaus Holthaus

    Buttjer-Storys rund um das Freischießen: Die zehn Gebote des Freischießens 1780

    Für das Freischießen 1780 wurde eine Ordnung ausgegeben, an die sich jeder zu halten hatte: die zehn Gebote.

    1.
    Ein jeder Bürger ohne Unterschied, wenn er nicht besondere Dispension von dem Herrn Stadt-Director Rathert oder seinen Capitain hat, ist schuldig, mit aus- und einzumarschieren bey 2 MG (Mariengroschen) Strafe.
    Jeder Latscho muss zum Freischießen mit aus der Festung teilacken und nachher auch wieder reinnatschen. Sonst muss er zwei Mariengroschen schucken.

    2.
    Der, welcher sich dem Commando des Officiers (Wachtmeisters oder Corporals) widersetzt, soll sofort auf der Stelle in Arrest genommen und verhältnismäßig gestraft werden.
    Wenn ein Dampmann sich dem Commando des Officiers (Wachtmeisters oder Corporals) widersetzt, kommt er sobutz in den Bau.

    3.
    Es darf niemand ohne besondere Erlaubnis seines Capitains die Fahne verlassen oder in die Stadt gehen bey 2 MG Strafe.
    Kein Latscho darf ohne Erlaubnis des Capitains wieder in die Stadt katrente ziehen. Strafe 2 Mariengroschen.

    4.
    Wer Unruhe erregt und andere zur Widersetzlichkeit aufrühret, wird empfindlich, allenfalls auch mit Leibes Strafe belegt.
    Wer wehmelich wird und zuviel püttchert, sich mit anderen makaimt und mackelt und am ramaucken ist, soll gleich durch die Wache gekurt werden.

    5.
    Für jeden Schuss in der Stadt wird nach königlichem, allerhöchsten Edict mit 50 MG bestraft und kommt der, so dieses nicht bezahlen kann, zur Festung.
    Wer in der Stadt einen Schuss aus seinem Püster ballert, muss 50 Mariengroschen schucken. Und wenn er schi Lobi inne Batiste hat, natscht er sobutz in den Stillo.

    6.
    Wer unterwegs schießt, gibt 1 MG Strafe.
    Wer beim Natschen aus der Festung ballert, schuckt einen Mariengroschen.

    7.
    Es muss niemand geladen Gewehr haben, sondern erst dann laden, wenn er vor die Scheibe geführt ist.
    Kein Latscho darf den Püster geladen haben. Das geht erst vor der Scheibe intacko.

    8.
    Wer den anderen mit Worten, oder That beleidigt, wird als ein Injuriant mit einem bis zehn MG, allenfalls auch härteren Gefängnis bestraft, und wenn darüber Unruhe entsteht, sofort arretiert.
    Wenn ein Dampmann einen anderen Macker beleidigt, schuckt er einen bis zehn Mariengroschen. Wenn er an zu ramaucken fängt, soll er sobutz in den Bau kommen.

    9.
    Bestendliche Trunkenheit wird nach der Policey Ordnung bestraft
    Wer zuviel schickert und ständig kolone ist, wird nach der Ordnung der Klistos bestraft.

    10.
    Überhaupt erwartet man, dass ein jeder Bürger in Beobachtung guter Ordnung und im Gehorsam gegen seine Oberen seine Ehre suche.
    Jeder Latscho soll sich astrein benehmen, damit alles intacko ist.

  • Karikatur von Klaus Holthaus

    Feuer-Visitation 1790: Der Brandschutz lag in den Händen des Mindener Bürgerbataillons

    Wenn es heute in Minden brennt, dann rückt die Berufsfeuerwehr aus und löscht das Feuer.
    Früher war das anders. Der Brandschutz lag in den Händen des Mindener Bürgerbataillons. Und die Vattermänner kümmerten sich um alles. Sie verwahrten die Ledereimer und die Trageküven. Sogar die Nachtwächter kriegten das Lobi vom Bataillon. Die mussten dafür nachts dibbern ob irgendwo was am brennen war. Wenn ein Feuer ausgebrochen war, konnte das schlimme Folgen haben, weil dann gleich mehrere Kallebachen abbrandten.

    Daher machten die Stadtoffiziere regelmäßige Feuervisitationen. Sie natschten von Haus zu Haus mit einem Nachtwächter und einem Corporal und dibberten die Feueranlagen. Es gab viele gefährliche Quellen wie offene Feuerstellen, Öllampen und Kerzen. Wenn irgendetwas nicht intacko war, mussten die Eigentümer Lobi schucken oder wenn sie schi Lobi inne Batiste hatten, rallten sich die Offiziere ein Pfand. Wenn dann der Bürger auch noch nicht schuckte, wurde das Pfand meistbietend verhökert und der Reibach floss in die Kasse des Bataillons.

    Ärger gab es 1790 als der Diener des Bataillons, Gotthold, und der Nachtwächter Böhnen bei dem Bürger Bendix Levi eine Feuergefahr in seiner Anlage feststellten und ihn zu 8 Sibergroschen verdonnerten. Levi wollte nicht schucken, und die Prüfer rallten sich ein Pfand. Das brachte Levi richtig auf die Palme. Er beleidigte die beiden und vermackelte dann auch noch den Nachtwächter Böhnen. Außerdem drohte er, sich an die höhere Instanz zu wenden. Was er dann auch getan hat. Der Magistrat wollte auch keinen Ärger und äußerte seinen Unmut über die Feuervisitation und die Bestrafung.

    Das wollte sich nun die Stadtoffiziere nicht bieten lassen. Sie forderten eine „eklatante Satisfaction“ und eine Bestätigung, dass sie das Recht zur Pfandnahme hätten. Das war schon in alten Zeiten so. Sie wollten auch das Pfand nicht zurückgeben. Es sollte verhökert werden und der Levi könnte höchstens den Überschuss bekommen. Wenn auf diese Art und Weise die Autorität des Stadtoffzierskorps untergraben würde, könnte das schlimme Folgen haben.

    Außerdem hatten die Offiziere schon mehrmals Beanstandungen an das „Polizey Amt“ weitergegeben. Von dort war die Sache aber mit wenig Nachdruck bearbeitet worden. Die Klistos waren der Meinung, dass der Feuerkram Sache des Bürgerbataillons war.

    Daraufhin platzte den Stadtoffizieren der Kragen und sie machten wahrlich Nägel mit Köppen. 40 Seiten lang war das Schreiben, mit dem die Stadtoffiziere dem Magistrat die Versäumnisse und Mängel der städtischen Kommunalpolitik aufzählten. Sie weigerten sich sogar, einen neuen Stadtmajor zu wählen, wenn nicht eine entsprechende Resolution des Magistrates bezüglich der Aufgaben des Bürgerbataillons erlassen würde. Das machte dem Magistrat dann doch das Hemd am flattern und das Bürgerbataillon wurde in seinen Rechten und Pflichten bestärkt. Die Stadtoffiziere wählten sodann A. Grotjahn aus dem Kuhthorschen Viertel zum Stadtmajor.

    Genaue Gesetze gab es damals noch nicht.

    Kleines Buttjer-Lexikon

    Vattermann : guter Freund
    Lobi : Geld
    Kallebache : Hütte
    natschen : gehen
    dibbern : sehen
    intacko : Ordnung
    schucken : bezahlen
    schi Lobi inne Batiste : keine Geld in der Tasche
    rallen : greifen
    verhökern : verkaufen
    Reibach : Gewinn, Verdienst
    verdonnern : verurteilen
    vermackeln : verhauen
    Klisto : Polizist

  • Karikatur von Klaus Holthaus

    Das letzte „Frey-Schießen“ vor der Schlacht bei Minden wurde 1756 veranstaltet.

    Es wird auch als der „24te Auszug am 25. July nach Johannis“ im Memorial der Stadtoffiziere bezeichnet. Der Tag war heiter und schön, aber es wurde schlecht geschossen. Den besten Schuss tat der Maurermeister Kilger – allerdings ohne den Knopf zu treffen. Er erhielt die 50 Taler-Prämie und wurde als König in die Stadt geführt.

    Drei Jahre nach der Schlacht, am 7. Juny 1762, erfolgte dann der „25te Auszug“ ohne einen Schützenkönig, weil der Kilger vor fünf Jahren verstorben war. Der Lorenz knallte vom Himmel, es war ein tobiftes Wetter, wie man es sich besser nicht wünschen konnte. Lediglich ein paar Braunschweiger Hospital-Unteroffiziere sorgten für Randale und Ärgernisse, weil sie schicker waren und die Bürgerschützen anpöbelten. Sie hatten immer noch das Siegergehabe und meinten, sie seien die Herren in Minden und könnten machen, was sie wollten. Meistens hatten sie schi lobi inne Batiste und versuchten überall für lau zu püttchern.

    Die Mindener Chalos ließen sich das drei Jahre nach der Schlacht bei Minden aber nicht mehr bieten und dabberten den Hospital-Unteroffizieren ganz schön was ins Ponum, dass die dantos wackelten. Die Wache beendete dann die „desordres“ und beförderte die kolonen Pallmachonen in den Knast.

    Den besten Schuss erzielte übrigens der Bäcker Friedrich Wilhelm Bartram vom Weserthorschen Quartier (5. Kompanie). Sein Schuss berührte allerdings nicht den Knopf. Er bekam die Krone auf den Schero, die 50 Taler-Prämie und wurde mit allen Würden eines Schützenkönigs, wie es Tradition war, in die Stadt geführt.

    Kleines Buttjerlexikon

    Lorenz : Sonne
    knallen : scheinen
    tobifte : schön, gut
    schicker : betrunken
    Randale : Unruhe
    schi Lobi : kein Geld
    Batiste : Tasche
    für lau : umsonst
    Chalo : Kerl
    püttchern : trinken
    dabbern : zuschlagen
    Dantos : Zähne
    kolone : betrunken
    Pallmachone : Soldat
    Schero : Kopf

  • Karikatur von Klaus Holthaus

    Es war der 20. Ausmarsch am 28. Juni und der Zimmermann und Totengräber Johann Henrich Karo aus dem 5. Rott im Marienthorschem Quartier (heute die 4. Kompanie) hatte den besten Schuss getan.

    Ihm waren natürlich alle Ehren eines Schützenkönigs zuteil geworden. Auf dem Schweinebruch wurde ihm die Krone auf den Schero gesetzt und zwei Senatoren natschten beim Einmarsch in die Stadt neben ihm her. Alles schien tofte intacko. Nur die Hauptsache, auf die sich der Bürger Karo besonders freute, ließ auf sich warten. Das Lobi wollte nicht rüberkommen. 50 Taler sollte er als König bekommen. Das war schon eine schnaffte Summe und er konnte sie gut gebrauchen. Als die Schickerlinge im Marienthorschem Quartier erfuhren, dass sie einen König hatten, war natürlich der Teufel los. Karo ließ sich auch nicht lumpen und schmiss einige Walies Bier für seine Kameraden. Die hatten natürlich einiges Lobi gekostet, denn man hatte anständig einen verkasematuckelt. Karo war kein Döllmer und am 6. Juli 1752 fasste er sich dann ein Herz und schrieb an die Regierung von Preußen einen untertänigsten Brief:

    An die hochwohl- und hochedelgeborenen Herren

    Euere Wohl- und Hochedelgeborenen ist ohne mein Anführen in hochgeneigten andenken, gestelten mir das Glück getroffen, dass ich beym letzteren Scheibenschießen den besten Schuß gethan. Weile nun s. Königl. Majestät demjenigen der den besten Schuß gethan 50 Taler und ein Jährige Freyheit von allen bürgerlichen Operibien allergnädigst beygeleget. Solchemnach gelanget an Euer Wohl- und Hochedelgeborenen meine gehorsamste Bitte, die gnädige Verfügung ergehen zu lassen, dass mir diese 50 Taler baldigst gereichet und die verordneten freyheiten auch angedeyen möge. Hochgeneigter Erhörung mich getröstend, und in untertänigstem Gehorsahm verharrend

    Euer wohl- und hochedelster gehorsamster Bürger

    Joh. Henrich Karo

    Schon am 15. July erging der königliche Befehl an die Accisencasse, die 50 Taler an den Zimmermann Karo auszuzahlen. Eine stolze Summe, die manch einer damals nicht mal im ganzen Jahr verdiente. Heutzutage ist das dagegen nicht mehr so toll mit dem Lobi. 150 Euro sind nicht gerade die Welt…

    Das kleine Buttjer-Lexikon

    Schero : Kopf
    natschen : laufen, gehen
    tofte intacko : prima in Ordnung
    Lobi : Geld
    schnaffte Summe : hohe Summe
    Schickerlinge : Säufer
    Wali Bier : Runde Bier
    verkasematuckeln : trinken
    Döllmer : Dummkopf

  • Karikatur von Klaus Holthaus

    Bat 12.07.2010 Am 18. July 1732 marschierten die Mindener Bürger wieder durch das Simeonsthor zum Schweinebruch, wo die Festzelte für das Freischießen aufgebaut waren und das Scheibenschießen stattfinden sollte.

    Die Wirte hatten in den Zelten viele Stände mit Wein und Bier aufgebaut und es wurde anständig was verkasematuckelt. Aus der Umgebung waren auch Bauersfrauen mit Körben voller Obst und Gebäck erschienen und boten ihre Waren feil.

    Als nun der Bürger Johann Horstmeyer seinen Schuss abgegeben und die Scheibe völlig verfehlt hatte – heute würde man dazu eine Fahrkarte sagen – war er natürlich verärgert und püttjerte sich erst einmal einige Plemper hinter die Binde. Schließlich war er richtig kolone. Dann hatte er Roof und dibberte um sich, wo es was zu kottern gab.

    In der Nähe saß eine Bäuerin mit einem Korb voller Kirschen, die Horstmeyers Appetit weckten. Er nahm eine Handvoll Kirschen in die Hand, um sie zu begutachten. Als die Ehefrau des Bürgers Deerberg das sah, dachte sie, er wolle die Kirschen schoren und sagte zu dem Horstmeyer, er sollte die Kirschen nicht einfach so wegnehmen. Jetzt war Horstmeyer so erregt, dass er die Kirschen der Frau Deerberg mitten ins Ponum schmierte und ihren Keileff in den Buhl trat, dass er sich überküselte. Das ließ sich die Deerberg natürlich nicht gefallen. Sie fing an zu keifen und es kam zu einem heftigen Wortgefecht. Horstmeyer gebrauchte den Ausdruck Canaille und war schließlich so in Rage, dass er der Deerberg an die Klotten wollte.

    Jetzt kam der Ehemann der Deerberg dazu und Horstmeyer zog seinen Degen blank, um sich zu wehren. Die umstehenden Bürger konnten ihm aber den Degen entwenden und es kam am 21. July zu einer Verhandlung vor dem Offiziers Collegio. Frau Deerberg wiederholte die Anschuldigungen und am 24. July wurde der Horstmeyer vorgeladen, der von der ganzen Sache nichts wissen wollte. Er habe der Bäuerin den Korb Kirschen abkaufen wollen und darüber sei er mit der „Deerbergschen“ durch Worte aneinander geraten.
    Außerdem habe man sich inzwischen durch Handschlag verglichen und die Sache sei erledigt.

    So jedoch nicht für die Stadtoffiziere. Sie verurteilten Horstmeyer zu zwei Talern Strafe, weil er so schicker war und mit seinem blanken Degen um sich geschlagen hatte. Umgerechnet auf heutige Verhältnisse waren das ungefähr 500 Euro. Horstmeyer nahm die Strafe an.

    Kleines Buttjer-Lexikon

    verkasematuckeln : Alkohol trinken
    püttjern : trinken
    Plemper : Glas Bier
    kolone : angetrunken
    Roof : Hunger
    dibbern : schauen, sehen
    kottern : essen
    schoren : entwenden, klauen
    Ponum : Gesicht
    Keileff : Hund
    Buhl : Hinterteil
    überküseln : überschlagen
    keifen : zanken
    Klotten : Kleider, Bekleidung
    schicker : betrunken

  • Karikatur von Klaus Holthaus

    Wenn heutzutage beim Freischießen der Mindener Buttjer bei seiner Kompanie mitgeteilakt ist und sich auf den Königsschuss freut, gibt es Sachen, die früher bei den „Freyschießen“ ganz anders waren. Jeder schoss mit seinem eigenen Püster und durfte auch vorher damit durch die Stadt marschieren. Es gab strenge Gesetze und hohe Strafen, wenn einer von den Vattermännern an zu spinnen fing und womöglich in die Luft ballerte. Wer keinen eigenen Püster hatte, durfte mit einem Gewehr der Kompanie schießen.

    Heute ist das anders. Beim Königsschießen ist der Püster fest auf einem Gestell montiert und keiner kann damit in der Luft rumfuchteln. 1732 kam es aber aus diesem Grund zu einem Zwischenfall, der eine Untersuchung nach sich zog.

    Der Bürger Vögeler aus der Fischerstadt hatte seinen Schuss abgegeben und die Wächter hinter der Schanze an der Scheibe zeigten eine Fahrkarte an. Vögeler war tief enttäuscht, weil er schon gehört hatte, dass sein Onkel Ludwig Vögeler aus dem Marktquartier den Knopf getroffen hatte und König werden konnte. Er wollte ihn noch überbieten und jetzt war ihm dieses Missgeschick passiert. Der Anschreiber Hubber laberte gerade im Schießzelt herum. Darum legte Vögeler zum zweiten Mal an und wollte losballern. Das sah jetzt der Anschreiber und schrie ihn an, er solle zurücktreten. Die anderen Bürger im Zelt moserten ebenfalls über den Versuch von Vögeler. Er legte schließlich auch das Gewehr zur Seite und schlich aus dem Zelt.

    Dieses Verhalten führte zu einer Untersuchung des Offiziers Collegio am 21. July 1732. Der Anschreiber schilderte nochmals den Vorfall, dass der Vögeler wirklich zum zweiten Schuss angelegt hätte. Der Bürger Lobbe sagte als Zeuge aus und bestätigte ebenfalls die Angaben des Anschreibers. Vögeler selbst sah das aber anders. Hinter ihm hätte ein sehr Langsamer gestanden und für den hätte er den Püster schon mal geladen und ihn überreichen wollen. Er hätte wirklich nicht losballern wollen. Das glaubten ihm aber die Herren Stadtoffiziere nicht und verurteilten ihn zu einer Strafe von einem halben Taler. Das wären heute ungefähr 120 Euro.

    Kleines Buttjer-Lexikon

    teilaken : gehen, laufen
    Püster : Gewehr
    Vattermann : guter Freund
    labern : reden
    losballern : schießen
    mosern : kritisieren

  • Karikatur von Klaus Holthaus

    Der Mindener Buttjer war schon seit ein paar Wochen ziemlich wehmelich, denn das Freischießen 2010 kündigte sich an. Mit Freude dachte er zwei Jahre zurück. 2008 hatten die Mindener ein tobiftes Fest gehabt. Das Wetter hatte mitgespielt, die Bevölkerung feierte mit den Kompanien in der Innenstadt und alle Teilnehmer waren zufrieden. Die „Grimpen“ hatten nach langen Jahren durch den Ehren-Vizefeldwebel Jürgen Gronert die 1. Königswürde errungen und die „Vierte“ hatte über ihren König, den Vizefeldwebel Siegfried Heuke, gejubelt. Alles war intacko und kameradschaftlich verlaufen. Es hatte keine Klagen oder andere Vorkommnisse gegeben.

    Früher war das oft anders und das wusste der Mindener Buttjer nur zu genau.

    So gab es 1798 doch ziemlich viel Schasko. Man muss wissen, dass es damals für die Mindener Bürger eine Pflicht war, am Scheibenschießen teilzunehmen und mit der Bürgerschaft zum Schweinebruch heraus und nach dem Schießen wieder herein zu teilacken. Wer sich weigerte, musste Strafe schucken.

    Es wurde reichlich Alkohol gepient – und das führte auch zu Ärgernissen und Streitereien. Am 20. Juni 1798 tat sich besonders der Bürger Henrik Lohrmann von der 6. Compagnie hervor. Er sorgte auf dem Schießplatz für Unruhe und nannte den Corporal Zürner wiederholt einen lumpen Corporal. Möglicherweise war der Stänkerer ein Sohn von Jobst Hinrich Lohrmann, der 1759 in der Schlacht bei Minden zu Ruhm gelangt war, und meinte deshalb, dass er sich solche Ausfälle leisten könnte.

    Sein Saufkumpan war der Bürger Hüsener. Weil er sturzbetrunken war, hatte man ihm das Gewehr abgenommen, das er aber vehement zurückforderte. Als man das ablehnte, weigerte er sich, mit in die Stadt zu teilacken. Nachdem dann die neuen Könige die Kronen auf dem Schero hatten, war Hüsener so kolone, dass er behauptete, er habe den besten Schuss getan. Auch Lohrmann setzte sein Ramauken fort – auch gegen den Capitain der 6. Compagnie, Herrn Hohlt.

    Die Bürger Uhrmacher Walter sen. und Böttcher Homann forderten den Adjutanten Tietzel auf, den Lohrmann zu besänftigen. Mit guten Worten konnte er ihn belatschern. Lohrmann buckte ihm das Fehmchen und versprach, sich wie ein honetter Bürger zu betragen. Kaum hatte sich Tietzel entfernt, ging das Ramentern aber weiter und das Collegium wurde gebeten, zur Erhaltung der Ruhe, den Lohrmann in den Stillepeng zu befördern. Adjutant Tietzel machte sich dann mit dem Fähndrich Kleine auf zum Zelt des Gastwirts Bode, wo der Lohrmann schickerte und beorderte die Wache vor das Zelt. Als der Peruquier (Perückenmacher d. Red.) Lose die Wache bemerkte, legte er sich mit ihr an und wollte sie kuren. Dabei wurde die ganz neue Weste des Bürgers Lax zerrissen. Die Wache ließ sich das natürlich nicht gefallen, und Lose holte sich einige Dellen und Beulen an Schero und Körper. Seitens der Wache geschah dies aus Notwehr.

    Im Zelt des Festwirtes Bode, wo der Lohrmann verhaftet werden sollte, mischte sich nun der Gastwirt Fehr ein. Er beschimpfte den Adjutanten Tietzel und wollte die Festnahme verhindern. Auch er war total kolone. Als dann die Bürgerschaft wieder in die Stadt teilackte, hatte sich Fehr einen Zossen besorgt, weil er nicht mehr richtig natschen konnte. Schwankend auf dem Pferd erschien er am Kuhthor und versuchte wiederholt die Reihen des Bataillons zu durchbrechen. Adjutant Tietzel war mit seinem Pferd sofort zur Stelle und ersuchte ihn freundschaftlich, durch das Neue Thor zu reiten. Fehr benahm sich wie ein heiopeio. Oder er tat nur so, als wolle er ihn nicht verstehen und lallte immer wieder: „Was wollen Sie?“

    Am 4. Juli 1798 fand dann eine Besprechung des gesamten „Bürger Officiers Collegio“ statt, in der diese Vorkommnisse besprochen wurden. Das Collegio beschloss, die Vorkommnisse an die Stadt zu melden und eine Bestrafung zu verlangen. Dies geschah dann auch.

    Kleines Buttjer-Lexikon

    wehmelich : unruhig
    tobifte : sehr schön
    intacko : Ordnung
    Schasko : Durcheinander
    teilacken : laufen, gehen
    Schero : Kopf
    kolone : betrunken
    Ramauken : Krach schlagen
    belatschern : überreden
    bucken : geben
    Fehmchen : Hand
    ramentern : wühlen, stänkern
    Stillepeng : Kittchen, Gefängnis
    schickern : trinken
    kuren : schlagen, hauen
    Rosch : Kopf
    Zossen : Pferd
    natschen : gehen
    Heiopeio : Idiot

  • Karikatur von Klaus Holthaus

    Die Junggesellen hatten einen tobiften Maibaum in die Stadt gebracht, am Dom aufgepflanzt und danach ein schuckeres Tänzchen in den Mai veranstaltet. Der Mindener Buttjer dachte mit Freude an das Freischießen Anfang August. Er wollte mit seiner Kompanie wieder durch die Stadt teilacken und nette Kumpels treffen. Er dachte an frühere Jahre, als man noch aus der Festung herausmarschierte, meistens zum Schweinebruch und manchmal auch zum Kuhthorschen Bruch. Die Teilnahme am Ausmarsch und am Freischießen war eine Bürgerpflicht, und die Capitains dibberten genau, ob einer fehlte. Nur die Brauknechte mussten in der Festung malochen, damit alle genug zum Schickern hatten. Die Schlickenfänger, die unentschuldigt fehlten, wurden dem Magistrat gemeldet und saftig bestraft.

    Diese Vorschrift sorgte beim Freischießen 1784 für Verdruss und Ärger. Die Angelegenheit musste sogar der König in Potsdam entscheiden. Folgendes hatte sich zugetragen:
    Der Bürger und Stadt-Zimmergeselle Sieborg hatte sich in seinem Quartier zum Ausmarsch eingefunden, als ihn vom Magistrat aufgetragen wurde, schon mal vorzunatschen, das Magistratszelt zu inspizieren und Mängel zu beheben. Er war gerade mit seiner Maloche fertig, als das Bürgerbataillon auf der Festwiese erschien und das Schießen begann. Sieborg gesellte sich zu seiner Kompanie und hatte Massel, denn er traf den Knopf fast im Zentrum. Es war nicht der beste Schuss, denn diesen tat der Bürger Windel. Aber wie Zeugen bestätigten, war es der Zweitbeste. Jetzt begannen aber die Schwierigkeiten. Die Regularien besagten, dass nur derjenige König werden durfte, der mit der Bürgerschaft ausmarschiert war. Und das traf auf Sieborg nicht zu. Die zweite Königswürde und die zweite Prämie von 50 Talern wurde daher dem Stadtcapitain Daniel Voegeler zugesprochen. Der durfte auch die zweite Krone zur Festung hereintragen.

    Sieborg war aber ein gewitzter Bajuffe. Er stellte einen schriftlichen Antrag an den Magistrat. Und als dieser von der Sache nichts wissen wollte, wandte er sich an den König in Potsdam und verklagte den Stadtcapitain Voegeler. Er bekam Recht. Im Namen seiner „Königlichen Majestät“ wurde ihm am 18. Juny 1785 mitgeteilt, dass ihm die zweite Prämie von 50 Talern zustehe. Der Magistrat wurde durch königliche Verfügung beauftragt, Sieborg beim nächsten Ausmarsch die zweite Krone tragen zu lassen. Daniel Voegeler durfte aber seine Prämie behalten. Er hatte selbst zugeben, dass Sieborg den besseren Schuss getan hatte.

    Mit etwas Wehmut dachte der Buttjer an die früheren Zeiten, als es noch richtiges Lobi für den Schützenkönig gab. Das ist ja heute anders. Aber mit einer der alten Kronen auf dem Schero durch die Stadt inner Kutsche zu fahren, wäre ja auch schon was.

    Kleines Buttjer-Lexikon

    tobifte : sehr schön
    schucker : prima, gelungen
    teilacken : gehen
    dibbern : sehen, erblicken
    malochen : arbeiten
    schickern : trinken
    Schlickenfänger : Leisetreter
    natschen, vornatschen : gehen, vorausgehen
    Massel : Glück
    Bajuffe : gerissener Kerl
    Lobi : Geld
    Schero : Kopf

Geschichte

Hatten im Laufe des Jahres viele Aktivitäten bestanden, wie Bataillons- und Kompanieversammlungen …

Geschichte

(Eine) Freischießen-Geschichte

Hatten im Laufe des Jahres viele Aktivitäten bestanden, wie Bataillons- und Kompanieversammlungen, Appelle der Einheiten, Tanzveranstaltungen mit den Damen, Stammtische, Vergleichsschießen untereinander und mit der Bundeswehr, also viele Aktivitäten, die das gesellschaftliche Leben der Bataillonsangehörigen bestimmen und ihm neben der Traditionspflege Inhalte geben, so freuen sich die “Aktiven” eigentlich zu jeder Zeit auf ihr Freischießen. Und dabei auch besonders auf das wiederkehrende Ereignis – das Grünholen.

Grünholen

Immer vor und während des Mindener Freischießens fühlen sich alteingesessene Mindener von tausendundeiner buntfarbigen Erinnerung umdrängt und umlagert; sie wissen gar nicht wohin mit der Fülle der Geschichte und Geschichten. “Kinder – schafft´s euch Erinnerungen” lässt der Schriftsteller Rudolf Herzog in einem seiner Bücher einen gütigen alten Herrn sagen. Vom mittelalterlichen Vogelbaum bis zur Festscheibe von 2000, vom früheren Laubholen bis zum heutigen Grünholen, vom Spießbraten bis zur Riesenbockwurst, vom alten echten Mindener Hausbräu bis zum garnierten Pils von heute ist eine bunte Geschichtskette entstanden, der wir alle zwei Jahre ein neues buntes Glied anreihen.

Die Stadt zeigt während des Freischießens ihr verwandeltes Gesicht. Unmittelbar vor den Festtagen ergeht ein Aufruf an die Bürger, durch Schmuck der Häuser mit Grün und Fahnen unserer Stadt das diesem einzigartigen Volks- und Heimatfest gemäße Aussehen zu geben. Somit beginnt für den echten und rechten Angehörigen des Bürgerbataillons das Freischießen mit dem Grünholen. Im Bataillonsbefehl steht dieser Dienst an erster Stelle. Wohlversorgt mit den nötigen Feuchtigkeiten und einem handfesten Imbiss fahren die Männer der Kompanien auf Lastwagenkolonnen und mit Omnibussen in die Wälder nahe Minden. Um das Festkleid unserer Stadt zusammenzutragen, fahren sie früh hinaus in das “Heisterholz”, in den Mindener Wald und nach Nammen.

Immer war es – besonders in der Innen- und Altstadt – ein stiller Wettbewerb. Jede Kompanie wollte ihren Bereich am schönsten hergerichtet sehen. Es gab in der Vergangenheit überzeugende Beispiele dafür, und namentlich die Straßen, durch die der Ausmarsch führte, sind tagelang verzaubert. Diese Beobachtungen hat man immer wieder machen können. Damals nach dem 1. Weltkrieg, nach den 15 Jahren ohne Freischießen, oder 1950, als nach der ungleich viel größeren Katastrophe von 1945 ein tastender Versuch unternommen wurde, dem sich dann Freischießen mit einer bis dahin nicht gekannten Beteiligung und Begeisterung anschlossen.

Der Wald wird in die Stadt geholt

Die Förstereien haben teilweise schon vorgesorgt, und ganze Berge Birkengrün und anderes Laubholz lagern an den Waldschneisen. Die jüngeren Dienstgrade, teilweise ausgestattet mit Motorsägen und Äxten, praktizieren im Fällen der Birken und Beladen der Fahrzeuge Teamgeist im Unterholz. Mühsam müssen sich die großen Grün-Transporter auf den schmalen Wegen durchzwängen. Nach mehrstündiger Waldarbeit, untermalt mit witziger Unterhaltung, gewürzt mit ausreichendem Frühstück, findet sich jede Einheit getrennt auf einem eigens ausgesuchten Sammelplatz wieder ein. Zwischenzeitlich haben ältere Kameraden frei improvisiert und auf einer Lichtung oder auf einem lichten Waldweg eine rustikal gedeckte Tafel aufgebaut. Der selbstgepflückte riesige Strauß frischer Waldblumen schmückt die Tafelmitte und gilt als Hinweis für den gemütlicheren Teil des Grünholens. Der beginnt allenthalben mit einer handfesten Erbsensuppe nebst kräftigen Einlagen und der dazugehörigen “lütjen Lage”. Derweil schießen kompanieeigene Musiker tapfer mit ihren Melodien den Hirsch im wilden Forst”, stellen die Frage, wer den “Wald da aufgebaut so hoch da droben” und fanden über manche andere Klippe hinweg das “Heideröslein”, das geradezu zum Mitsingen und Mitschunkeln herausfordert.

Keine Bürgerkompanie will bei dieser gelösten und geselligen Atmosphäre auf Quartierbesuche verzichten. Der Stadtmajor mit Bürgermeister, Stadtdirektor, die Kommandeure unserer hiesigen Bundeswehr, der Stab des BürgerbatailIons, die heimische Presse und weitere gerngesehene Ehrengäste besuchen bei der geplanten Waldrundreise jede Kompanie in ihren Waldquartieren. Da die Überprüfung des Arbeitseinsatzes selten längere Zeit in Anspruch nimmt, können sich die Gäste vielseitig und reichlich bewirten lassen.

In den Nachmittagsstunden kehren die mit Grün beladenen Einheiten in die Stadt zurück. Unver- züglich beginnt in der Innen- und Altstadt emsiges Werken. Man ist mit der Verteilung und Befestigung des Birkengrüns bis in die Abendstunden hinein beschäftigt. Es ist guter Brauch, dass die Mindener Bevölkerung den Männern mit Grün ein Dankeschön serviert, und es ist auch eine alte Sitte, den Waldtrupps Korn, Bier oder belegte Brötchen zu reichen.

Die Stadt hat ihr Festkleid angelegt; das Freischießen kann beginnen.

Allenthalben ist man sich in den Kompanien einig: Das Grünholen ist zwar nicht Höhepunkt unseres Volksfestes, aber mehr als ein gelungener Auftakt; eigentlich der schönste Tag für die Angehörigen der Kompanien und Eskadron.

Dieser Auftakt wird auch von der gesamten Mindener Presse stets entsprechend gewürdigt. Aus den Berichten und vielen Bildern spricht die gute Laune der “Holzfäller”, die bei strahlendem Sommerwetter voll auf ihre Kosten gekommen waren. Am Abend hatte die Stadt ein grünes Kleid angelegt, und man spürte, dass nun das große Fest vor der Tür stand.

Einholen der Fahne und die Serenade

Der Bevölkerung zeigte sich die erste offizielle Veranstaltung des Freischießens dann am Donnerstag- abend beim Einholen der Fahnen aus dem Museum in der Ritterstraße in das historische Rathaus am Markt. Es gehört zur Tradition des Festes, dass eine Fahnenkompanie die Fahnen aller Einheiten vor dem Museum übernimmt und begleitet vom Bürger-Tambourkorps und dem Musikzug der Freiwilligen Feuerwehr Minden (hier werden Erinnerungen an alte Aufgaben des Bürgerbataillons wach!) zum Rathaus bringt. Nach Abschreiten der Front werden die Fahnen feierlich ins Rathaus getragen, wo sie bis zum Ende des Freischießens ihr Standquartier haben.

An diesem Abend spielte der Musikzug und das Tambourkorps vor einer vielhundertköpfigen Zuschauerkulisse die “Serenade”, von vielen auch kleiner Zapfenstreich genannt, vor dem altehrwürdigen tausendjährigen Dom. Zuvor waren im kleinen Rathaussaal verdiente Angehörige des Bataillons, die durch ihr Engagement, durch ihr Wirken und Tun maßgeblichen Anteil daran hatten, dass Mindens Tradition weiter überdauert, mit der Ehre ausgezeichnet worden, sich ins Ehrenbuch eintragen zu dürfen.

Der Haupttag: Ab 6 Uhr hört man Trommler und Pfeifer

Am Freitag, dem Haupttag, beherrscht das Freischießen das Leben in der ganzen Stadt. Ab 6 Uhr früh hört man die Trommeln und Pfeifen der Tamboure, und eine gute Stunde später versammeln sich die Kompanien in ihren Stadtvierteln.

Überall sieht man sie nun zusammenströmen in den schwarzen Anzügen, den Zylinder nach alter Väter Sitte auf dem Kopf, den Degen an der Seite oder das Holzgewehr in der Hand. Traditionell für jede Kompanie ist die Farbe der Blume am “Gewehrlauf”. Sie formierten sich und marschierten unter Vorantritt einer Kapelle und eines Spielmannszuges zum Antreteplatz auf dem Simeonsplatz. Von nun an war die Stadt erfüllt vom Klang der zahlreichen Kapellen, die dem Fest den musikalischen Rahmen gaben: das Bürger-Tambourkorps, der Musikzug der Freiwilligen Feuerwehr Minden, die Feuerwehrkapelle Holzhausen, die britische Kapelle des Duke-of-Wellington-Regiments, der Spielmannszug Lübbecker Straße-Hahlen, das ZEWA-Trompeterkorps, die Feurwehrkapelle Wietersheim-Leteln und der Reiterfanfarenzug Höfen.

Es ist immer ein farbenfrohes Bild, wenn der Stadtmajor dem Bürgermeister das im geschlossenen Karree mit rund 1000 Mann angetretene Bataillon meldet. Bei strahlendem Sonnenschein krönt der Bürgermeister, als oberster Dienstherr des Mindener Bürgerbataillons, nach altem Brauch noch einmal die Könige und schreitet mit ihnen und den Ehrengästen die Front des Bataillons ab. Dann beginnt der Parademarsch des Bürgerbataillons zum Festplatz, früher zur Kanzlers Weide, heute zwischen Rathaus und Dom. Tausende in den Fenstern und an den Straßen, die der Zug berührte. Eine festliche Hochstimmung liegt über den Menschen; sie winken mit Fähnchen, werfen Blumen und applaudieren, wenn ihnen irgendeine Gruppe besonders gefällt.

Ein Höhepunkt des Ausmarsches ist immer wieder die Eskadron mit dem Fanfarenzug aus Höfen. Bürgermeister, Rat und Ehrengäste nehmen am Scharn den Vorbeimarsch des Bataillons ab. Die meisten Mitmarschierer machen dies durchaus geordnet mit, fassen es aber recht zivil auf, was man an ihren lachenden Gesichtern deutlich erkennen kann. Tausende der Zuschauer schlossen sich dem Bataillon auf seinem Marsch zum Festplatz an. Die alten Könige, die während des Marsches in der offenen Kutsche gefahren wurden, werden nun “entkrönt”, und der Wettkampf um die Königswürde kann neu beginnen.

Das Schießen um die Königswürde beginnt

Traditionsgemäß eröffnet der Bürgermeister der Stadt Minden das Königsschießen mit dem ersten Schuss für den Bundespräsidenten. Nachdem die Regierungspräsidentin ihren Schuss abgegeben hatte, folgte eine stattliche Zahl prominenter Gäste mit sehr unterschiedlichen Schießergebnissen. Das Königsschießen und das Warten aufs Ergebnis dauert, ist inzwischen aber auf zwei Stunden begrenzt worden. Zahlreiche Jubelschreie erklingen, wenn wieder ein Schütze eine Zehn erzielt hat. Doch wird sie reichen? Die besten “Volltreffer” werden anschließend genommen und per Computer einer Mindener Firma ausgewertet. Auf den Tausendstel Millimeter genau wird nachher feststehen, wie weit die beiden besten Schützen vom Zentrum entfernt lagen.

In der Zwischenzeit sorgten die auf dem Festplatz vertretenen Schaustellerbetriebe für Unterhaltung der Besucher. Im Rathaussaal hat die Stadt Minden indes zum Ratsessen geladen. Tischreden werden gehalten, verdiente Angehörige des Bataillons mit dem Bataillonsorden ausgezeichnet. Um 17.00 Uhr war es dann soweit. Die Namen der beiden Könige des Mindener Freischießens stehen fest. Bis zu diesem Zeitpunkt war das Getuschele auf dem Festplatz riesengroß. Na, wer ist denn nun König. Der soll´s sein, nein, der hat eine optimale Zehn geschossen. Letztlich kommt es aber doch anders. Auf der Tribüne vor dem Dom haben sich die ehemaligen Könige versammelt. Der Stadtmajor kommt hinzu, außerdem seine beiden Adjutanten. Noch ein kleiner Augenblick, dann steht auch der Bürgermeister auf dem Podium. Ein Offizier kümmert sich derweil um den Ehrentrunk. Dann der große Augenblick. In diesem Moment wissen die neuen Königskompanien schon Bescheid. Sie haben Aufstellung genommen, um ihre neuen Majestäten anschließend durch die Innenstadt zu begleiten. Dann stehen sie oben: die beiden Mindener Freischießen-Könige. Voller Stolz erfüllt, ebenso wie es all ihre Kameraden sind, denn einen König möchte jede Kompanie haben. Das 15. Pr. Infanterie-Regiment von 1836, dass seit jeher bei der 2. Kompanie mitmarschiert, schießt einen Salut. “Die neuen Könige, sie leben hoch”, ruft der Bürgermeister. Und im Herzen Mindens herrscht Hochstimmung.

Nach dem Marsch durch die Innenstadt werden die beiden neuen Majestäten ins Rathaus geführt und dort wieder entkrönt. Die Kronen werden traditionsgemäß gegen Lorbeerkränze ausgetauscht. Draußen ist die Spannung jetzt dahin, fortan regiert die Lockerheit, ist Feiern angesagt. Auch bei jenen Kompanien, die es in diesem Jahr nicht geschafft haben. Macht nichts, auf ein Neues beim nächsten Königsschießen. Man freut sich trotzdem mit den neuen Majestäten. Und Minden steht Kopf. Hier wird nun ein wahres Volksfest bis spät in die Nacht gefeiert. Es ist und bleibt, daran kann niemand rütteln das “Fest der Mindener”.

Aber auch das ist Tradition: um 3.15 Uhr ist Schluss. Dann begleiten die Mindener ihre König mit Musik zum Kehraus bis ans Wesertor, wo sich, wie in früheren Jahren von Kanzlers Weide kommend auf die Marktplatz die Auflösung der Festgemeinde sich “in ruhiger Form” vollziehen soll. Der Begriff “in ruhiger Form” steht wie in Stein gemeißelt für das Freischießen, denn auf keinem anderen Fest rund um Minden geht es so gesittet und trotzdem festlich zu, wie beim Freischießen. Keine Randale, niemand wird ausfällig. Für viele Gäste in der heutigen Zeit ein völlig ungewohntes Bild. Zudem kann man es sich hier noch herzhaft schmecken lassen: Bier aus einem pfandfreien Glas und nicht, wie fast überall sonst, aus einem Plastikbecher, für den auch noch eine Sonderabgabe getätigt werden muss.

An den anderen Tagen ziehen die Kompanien auf Wache

Die übrigen Tage des Freischießens gehören den Kompanien und der Eskadron. Im Anschluss an den Haupttag finden im Rahmen des Freischießen am Samstag und Sonntag die Kompanie-Ausmärsche, auch Wachtage der Kompanien genannt, statt. Sie dienen in erster Linie der Pflege der Kameradschaft, Freundschaft, Tradition und Verbundenheit mit der Bevölkerung im eigenen Kompaniebereich. Und damit nicht alle Einheiten an einem Tag geballt marschieren, wurden sie auf zwei Wachtage aufgeteilt. Unterteilt nach geraden und ungeraden Kompanie-Zahlen. Und die 1., 3. und 5. bzw. 2., 4. und 6. Kompanien marschieren im Wechsel der Freischießen am Samstag bzw. Sonntag, um im darauffolgenden Fest “Zwischen Rathaus und Dom” die Rollen, sprich Wachtage dann zu tauschen. Einzig die Bürger-Eskadron hat ihren festen Tag. Sie reitet generell am Sonntag und trifft auch traditionell als letzte Einheit in der Innenstadt ein.

Den Schlusspunkt setzt der Große Zapfenstreich bei Fackelschein in der Dunkelheit der Nacht. So war es auch in jedem Freischießen-Jahr – und so wird es sicherlich auch noch in vielen kommenden sein. Denn das Mindener Bürgerbataillon ist ein lebendiger Teil unserer Stadt ist, das allerdings auch heute noch unterschiedliche Beurteilung in der Bevölkerung erfährt. Mögen seine Kritiker nicht übersehen, dass die “altehrwürdige Institution” eine über viele Generationen reichende Gemeinschaft darstellt, deren Tradition zu pflegen allein schon eine Aufgabe ist. Um diese Gemeinschaft mit Leben zu erfüllen und ständig zu verjüngen, bedarf es immer neuer Impulse. Lesen wir daher noch einmal ein Zitat von Hauptmann Klaus Marowsky: “Wir haben im Mindener Bürgerbataillon vielen Vereinigungen jeglicher Art so manches voraus, und das müssen wir aktivieren. Wir haben ein Ziel, eine Zielstellung und können alles das, was wir jetzt oder in Zukunft tun werden, auf dieses gemeinsame Ziel ausrichten, das Minden heißt.”

Wenn Redlichkeit herrscht in Politik, Verwaltung, Wirtschaft und allen übrigen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens dieser Stadt, wenn ihre Bürger mit einem guten Gefühl – das Wort “Stolz” soll hier nicht strapaziert werden – sagen können: “Ich bin ein Mindener” dann wird das Mindener Bürgerbataillon und sein Freischießen noch viele Generationen überdauern.

Könige

Hier finden Sie alle Freischiessen-Könige aus dem Mindener Bürgerbataillon. 1682-1939 und ab 1950.

Könige

  • 1682: Johan Stolte (Markt-Quartier / 1.)
    1685: Casten Lohmeyer (Fischerstadt-Quartier / 6.)
    1730: Jobst H. Vögeler (Fischerstadt-Quartier / 6.)

    1731: Andreas Richter (Marientorsches-Quartier / 4.)
    1732: Ludwig Vögeler (Markt-Quartier / 1.)
    1733: Nagel (Hahlertorsches-Quartier / 3.)
    1735: Johann Jürgen Böhnen (Markt-Quartier / 1.)
    1736: Besser (?) – Wilhelm Albrecht (Kuhtorsches-Quartier / 2.)
    1737: Korff (?) – Eberhard Meyer
    1738: Schumacher (Wesertorsches-Quartier / 5.)
    1739: Schumacher (Wesertorsches-Quartier / 5.)
    1741: Schmidt (Wesertorsches-Quartier / 5.) – Roddowe Jun.
    1742: Costede (Kuhtorsches-Quartier / 2.)
    1743: Süßemilch
    1744: Rust (Kuhtorsches-Quartier / 2.)
    1745: H.H. Niehuß (Markt-Quartier / 1.)
    1747: Johann A. Rippe (Fischerstadt-Quartier / 6.)
    1748: Carl Jünge (Marientorsches-Quartier / 4.)
    1749: Conrad Böndel (Marientorsches-Quartier / 4.)
    1750: B. Andreas (Marientorsches-Quartier / 4.)
    1751: Christ. Francke (Wesertorsches-Quartier / 5.)
    1752: Johann Henrich Karo (Marientorsches-Quartier / 4.)
    1753: Friederich Heyneman (Marientorsches-Quartier / 4.)
    1754: Anton F. Bödecker (Hahlertorsches-Quartier / 3.)
    1755: Hunecken (Marktquartier / 1.)
    1756: Kilger
    1762: Friedr. Wilh. Bartram (Wersertorsches Quartier / 5.)
    1763: Schießen ausgefallen
    1764: Ehrhardt Haupt
    1765: Henrich Kuhlemann
    1766: Friedrich Berens
    1767: Schießen ausgefallen
    1768: Kollmeyer
    1769: Kopmann
    1770: Abelmann
    1773: Windel – Gott. Brüggemann (Fischerstadt-Quartier / 6.)
    1786: Rudolph Wiehe (Fischerstadt-Quartier / 6.)
    1787: Name unbekannt
    1789: Name unbekannt
    1790: Schießen ausgefallen
    1791: 1. König: Johann Philipp Wundermann, Marktquartier / 1.
    2. König: Johann Gottlob Krameyer, Weserthorsches Q. / 5.
    1792: Schießen ausgefallen
    1793: Anton F. Blancke (Fischerstadt-Quartier / 6.) –
    Johann C. Rathert (Kuhtorsches-Quartier / 2.)
    1794: Schießen ausgefallen
    1795: Heyne (3.) – Jürgens (3.)
    1796: Schießen ausgefallen
    1797: Schießen ausgefallen
    1798: Flächenkragen (3.) Anderhop (2.)
    1799: Scheibenschießen ausgefallen
    1800: Fricke (Kuhthorsches Q. 2.)- Borchard (Marckquartier 1.)
    1801: Hohenkirchen (3.) – Degener (2.)
    1802: Feute (Weserthorsches Q 5.)
    1803: Beyer (Hallerthor 3.)
    1804: Christian Vögeler (Adjutant)
    1805: Fricke (2.)
    1806: Name unbekannt
    1807: Name unbekannt
    1811: Name unbekannt
    1820: Schumacher Ritter
    1828: Maurermeister P. Menny (Marktquartier/1.)
    1836: Name unbekannt – Bürger Schwarz (6.)
    1838: Name unbekannt (2.) – Name unbekannt (6.)
    1841: Kraft (2.)
    1848: Name unbekannt (Eskadron) – Name unbekannt (6.)
    1850: Schlichthaber (5.) – Eiwel (5.)
    1852: Friedrich Hanke (6.) – Gieseking (6.)
    1854: Schießen ausgefallen
    1855: Kaemper (3.) – Hermann Boße (5.)
    1857: Heinrich Friedrich Büchner (1.) – Wilhelm Schwartz (6.)
    1859: Schießen ausgefallen

    1860: Wilhelm Schwartz (6.) – Fritz Clemen (3.)
    1862: Name unbekannt – Name unbekannt
    1864: Freischießen ausgefallen
    1865: Christian Johann Genrich (6.) – Müller (1.)
    1867: Carl Boße (6.) – Hermann Dröse jun. (4.)
    1869: Name unbekannt – Name unbekannt
    1871: Carl Hohlt (6.) – Julius Lukas (1.)
    1873: Gustav Kohlhagen (3.) – Julius Lukas (1.)
    1875: Friedrich Heuer (6.) – Franz Eichler (4.)
    1877: Freischießen ausgefallen
    1878: Johannes Gramatte (5.) – Julius Heidemann (3.)
    1880: Louis Dammeyer (Eskadron) – Carl Becker (2.)
    1882: Carl Schmitz (1.) – Wilhelm Rouff (Stab)
    1884: Wilhelm Rouff (Stab) – Ferdinand Böhne (4.)
    1886: Konrad Ehlers (5.) – Julius Schlüter (1.)
    1888: Wilhelm Nagel (1.) – Julius Schlüter (1.)
    1890: Gerhard Brandenburg (3.) – Wilhelm Nagel (1.)
    1892: Gustav Schröder (5.) – Theodor Hempel (1.)
    1894: Wilhelm Knickenberg (6.) – Otto Stein (5.)
    1896: Carl Philipp Leonhard Krause (6.) – Fritz Rothe (3.)
    1898: Wilhelm Rürup (3.) – Wilhelm Ruschmeyer (Eskadron)
    1900: Carl Beste (1.) – Wilhelm Volker (1.)
    1902: Emil Zander (1.) – Heinrich Berger (6.)
    1904: Jakob Harner (2.) – Friedrich Jahns (5.)
    1906: Wilhelm Ruschmeyer (Eskadron) – Carl Jochmus (1.)
    1908: Johann Körkemeier (3.) – Eduard Ritter (2.)
    1910: Peter Bläser (4.) – Friedrich Riensch (6.)
    1912: Max Fentz (4.) – August Welp (1.)
    1914: Freischießen ausgefallen
    anschl. 1. Weltkrieg
    1927: Gustav Kirchhoff (3.) – Karl Rust (3.)
    1930: Georg Witte (4.) – August Horstmann (1.)
    1932: Freischießen ausgefallen
    1934: Siegfried Grosse (1.) – Heinrich Kriete (1.)
    1937: Robert Wolfgang (5.) – Walter Thielking (4.)
    1939: Emil Gremmels (4.) – Fritz Schwier(Eskadron)
    anschl. 2. Weltkrieg

  • 1950: Ernst Aschmann (6.)
    1952: Fritz Faber (2.)
    1954: Karl Dresing (6.)
    1956: Karl Stroinsky (6.)
    1958: Erwin Gerhard (2.)
    1960: Heinrich Schnitker (5.)
    1962: Herbert Jauernick (5.)
    1964: Rainer Engelhardt (6.)
    1966: Wolfgang Schlüter (3.)
    1968: Klaus Marowsky (1.)
    1970: Heinz Erksmeier (6.)
    1972: Adolf Kohlmeier (5.)
    1974: Hugo Rode (1.)
    1976: Reinhard Wachtel (4.)
    1978: Klaus Holthaus (6.)
    1980: Helmut Meyer (2.)
    1982: Friedrich Eilers (3.)
    1984: Ulrich Siekmann (Eskadron)
    1986: Helmut Reimler (4.)
    1988: Jens Riechmann (5.)
    1990: Paul Rüter (5.)
    1992: Wiethold Döring (1.)
    1994: Werner Wippermann (5.)
    1996: Norbert Fricke (3.)
    1998: Hanno Engels (4.)
    2000: Werner Wippermann (5.)
    2002: Bernd Jordan (3.)
    2004: Gerhard Schulz (2.)
    2006: Detlev Dath (3.)
    2008: Jürgen Gronert (6.)
    2010: Kevin Mohrhoff (2.)
    2012: Pascal Fahrenberg (Jung.)
    2014: Bernd Finster (5.)
    2017: Klaus Langenkämper (Eskadron)
    Josef Dargel (6.)
    Karl Heinemeyer (2.)
    Karl-Heinz Osthold (3.)
    Hans Bevenitz (6.)
    Walter Thielking (4.)
    Erwin Welschar (2.)
    Helmut Bicknese (3.)
    Heinz Droste (1.)
    Günther Keerl (2.)
    Franz Apel (4.)
    Wilhelm Borcherding (Eskadron)
    Erich Eimer (6.)
    Walter Wieck (4.)
    Gerhard Schulz (5.)
    Karl-Heinz Franzke (5.)
    Harry Boy (1.)
    Olaf Zander (Tamboure)
    Heinrich Horstmann (Eskadron)
    Andreas Kahre (4.)
    Günther Struckmeier (3.)
    Hermann Alberty (5.)
    Heinz Heidbüchel (1.)
    Jens Rüter (6.)
    Karsten Voigt (1.)
    Jörgen Happel (3.)
    Andreas Schmitz (4.)
    Erwin Stuhlert (3.)
    Thomas Rennicke (3.)
    Friedrich Wischmeier (4.)
    Siegfried Heuke (4.)
    Jörgen Happel (3.)
    Ekkehardt Rohlfing (1.)
    Dieter Schubert (1.)
    Rolf-Dieter Brink (3.)

Königskronen

Zu den “Insignien” des Mindener Bürgerbataillons gehören die beiden Schützenkronen. Mit ihnen …

Königskronen

Vom fairen Schießwettkampf bis zur Königsproklamation

Zu den “Insignien” des Mindener Bürgerbataillons gehören die beiden Schützenkronen. Mit ihnen werden alle zwei Jahre beim Freischießen die beiden ersten Schützen zu Schützenkönigen gekrönt. Das war nicht immer so. Anfangs diente dazu ein grüner Kranz, mindestens bis zum Jahre 1685. Danach wurde die so genannte “goldene Krone”, die aus Messing besteht, angeschafft.

Die zweite Krone besteht aus Silber. Die lateinische Umschrift ist ein daktylischer Hexameter:

“CIVIBVS EN REX DAT PRO VALLIS MVNERA TANTA”

(Siehe, der König macht den Bürgern für Schanzarbeiten ein so großes Geschenk) und erinnert daran, dass König Friedrich Wilhelm I., weil 1729 ein Krieg mit Hannover drohte, durch die Bürgerkompanien vor dem Wesertor Schanzarbeiten ausführen ließ, um die Stadt zu schützen. Für das dafür bezahlte Geld wurde die neue silberne Krone angeschafft.

Wenn man die überhöhten (oben unterstrichenen) Buchstaben der Umschrift als römische Ziffern liest und zusammenhält, ergeben sie die Jahreszahl 1733, das Datum der ersten Benutzung. Aber man behielt auch die Messingkrone, und wenn in der Folgezeit gelegentlich in einem Jahr das Freischießen ausfiel, ermittelte man im nächsten Jahr zwei Schützenkönige, um nicht die 50-Taler-Prämie, die einst der Große Kurfürst für den ersten Schützen jedes Jahres ausgesetzt hatte, zu verlieren. Dann trug, wie auch heutzutage, der erste König die silberne und der zweite die Messingkrone.

Der materielle Wert der beiden Kronen, die für jeden Betrachter zugänglich ihren sicheren Platz im Mindener Heimatmuseum haben, ist gering. Ihr eigentlicher Wert ist historisch begründet. In einem Schreiben aus dem Jahre 1965 stellt der damalige Museumsdirektor Dr. Bath fest, dass die Kronen aus handwerklichen, kunst- und stadtgeschichtlichen Gründen zu den bedeutendsten Stücken des Mindener Museums gehören. Diese Beurteilung hat die Bataillonsführung – was kaum bekannt ist – Anfang 1965 bewogen, von der älteren Krone, der so genannten “goldenen Krone”, die sehr altersschwach war, durch Goldschmied Michael Voß eine Nachbildung anfertigen zu lassen. Die erforderlichen Geldmittel stellte die Firma Hagemeyer als Dank dafür zur Verfügung, dass sie beide Original-Kronen mit anderen Insignien des Bürgerbataillons in einem ihrer Schaufenster vor dem Freischießen 1964 zeigen konnte. Seit dem Freischießen 1966 tragen die 2. Könige diese Nachbildung, die so gut gelungen zu sein scheint, dass bisher noch keiner ihre Echtheit bezweifelt hat. Ein Geldgeber für die Nachbildung der silbernen Krone, die ebenfalls aus den erwähnten Gründen einen hohen Wert hat und unbedingt geschützt werden muss, wird noch gesucht.

Diese wertvollen Kronen tragen die Könige nur während des Freischießens. Sie werden dann ans Museum zurückgegeben. Als Erinnerung jedoch an ihre Regentschaft verleiht das Bürgerbataillon das Ehrenzeichen der Könige.

Die Teilnehmer am Mindener Freischießen müssen schon eine besondere Leistung erbringen, um einer der beiden Könige des Mindener Bürgerbataillons oder auch Jugendkönig (unter 18 Jahre) zu werden. So entscheiden weder wie in der Monarchie Tradition oder Erbfolge noch wie heute leider so oft die gesellschaftliche Stellung oder gar der Geldbeutel über die Königswürde, sondern die punktuelle Bestleistung im Vergleichskampf. Oft stand auch das Glück oder, solange das Schießen noch auf Kanzlers Weide ausgetragen wurde, ein günstiger Windstoß Pate, wenn es einem Teilnehmer am Haupttag des Freischießens mit einem einzigen Schuss gelang, die beste oder zweitbeste 10 – genau die Mitte einer Pappscheibe – auf 50 m Distanz zu treffen.

Unter Zuhilfenahme aller technischen Hilfsmittel werden beim Mindener Freischießen die zwei besten Zehnen ermittelt. Jede Kompanie/Eskadron/Tambourkorps möchte eigentlich selbst den König stellen.

Während der Parade vor dem Rat der Stadt und den Ehrengästen tragen die alten Könige des vorhergegangenen Freischießens, das also zwei Jahre zurückliegt, die Kronen. Am Nachmittag desselben Tages wird diese Ehre dann den neuen Königen zuteil, nachdem der beste Schuss, die Proklamation und Krönung vor dem altehrwürdigen Mindener Dom erfolgt sind. Nach dem Marsch in die Stadt, wobei die Könige in der Königskutsche sitzen, werden ihnen im Rathaus bereits die Kronen wieder abgenommen.

So war es ein echtes Anliegen vieler Verantwortlicher, dass das Bürgerbataillon zum Freischießen 1952 ein Ehrenzeichen stiftete, das alle noch lebenden und natürlich die neuen Majestäten zur Erinnerung an ihren Königsschuss erhalten sollten. Das Ehrenzeichen ist aus einer Silberplatte herausgearbeitet. Es ist eine Ansteckplakette, die auf der linken Brustseite getragen wird und deren Höhe 56 mm und Breite 47 mm beträgt. Das Mittelstück ist eine silberne Schießscheibe. Der obere Halbkreis trägt um die Ringe der Scheibe herum die Umschrift: MINDENER FREISCHIESSEN. Im unteren Halbkreis ein aufgelegtes vergoldetes Band mit der Aufschrift: DEM KÖNIG (und der jeweiligen Jahreszahl des Königsschusses). In der Mitte des Ehrenzeichens aufgesetzt und vergoldet das Mindener Stadtwappen, das den doppelköpfigen Reichsadler und die gekreuzten Schlüssel zeigt. Die Schießscheibe ist umgeben von einem vergoldeten Eichenkranz, die Krone ist ebenfalls vergoldet.

Königsorden

Nur selten kommen die amtierenden Majestäten des Mindener Freischießens in den Genuss, die wertvollen …

Königsorden

Nur selten kommen die amtierenden Majestäten des Mindener Freischießens in den Genuss, die wertvollen Kronen des Bürgerbataillons auf ihrem Haupt tragen zu dürfen. Nicht unbedingt auf Grund des materiellen Wertes, sondern vielmehr, weil die Kronen aus handwerklichen, kunst- und stadtgeschichtlichen Gesichtspunkten zu den bedeutendsten Stücken des Mindener Museums gehören. Diese Beurteilung hat die Bataillonsführung – was kaum bekannt ist – Anfang 1965 bewogen, von der älteren Krone, der so genannten “goldenen Krone”, die sehr altersschwach war, durch Goldschmied Michael Voß eine Nachbildung anfertigen zu lassen. Die neuen Mindener Könige kommen dennoch nur kurzzeitig in den Genuss, den besonderen Kopfschmuck zu tragen: nämlich nach der Proklamation und dem anschließenden Marsch der Königskompanie(n) durch die Innenstadt und anschließend erst wieder zwei Jahre später, beim nächsten Freischießen im Rahmen des Parademarsches durch die Mindener Straßen. Ansonsten bleiben die Kronen dort, wo sie aus geschichtlicher Sicht auch hingehören: im Mindener Museum.

So war es ein echtes Anliegen vieler Verantwortlicher, dass das Bürgerbataillon erstmals zum Freischießen 1952 ein Ehrenzeichen stiftete, das alle neuen Majestäten zur Erinnerung an ihren Königsschuss erhalten sollten. Aber auch die noch lebenden, vorangegangenen Majestäten erhielten noch einen Königsorden. So erinnert das „älteste“ noch vorhandene Abzeichen an den König aus dem Jahre 1908. Die Ehrenzeichen sind aus einer Silberplatte herausgearbeitet. Der so genannte Königsorden ist eine Ansteckplakette, die auf der linken Brustseite getragen wird und deren Höhe 56 mm und Breite 47 mm beträgt. Das Mittelstück ist eine silberne Schießscheibe. Der obere Halbkreis trägt um die Ringe der Scheibe herum die Umschrift: MINDENER FREISCHIESSEN. Im unteren Halbkreis befindet sich ein aufgelegtes vergoldetes Band mit der Aufschrift: DEM KÖNIG (und der jeweiligen Jahreszahl des Königsschusses). In der Mitte des Ehrenzeichens das vergoldete Mindener Stadtwappen, das den doppelköpfigen Reichsadler und die gekreuzten Schlüssel zeigt, aufgesetzt. Die Schießscheibe ist umgeben von einem vergoldeten Eichenkranz, die Krone ist ebenfalls vergoldet.

Juwelier David aus Minden war seinerzeit der erste, der mit der Herstellung des Königsordens betraut wurde. Später ging diese Aufgabe an Juwelier Gerdsmeier, inzwischen an Juwelier Laufer über. Alle fertigten nach den Vorlagen aus dem Jahr 1952, wobei jeder Orden für sich ein individuelles Kunstwerk darstellt. So stellen auch die Orden, die den beiden neuen Majestäten am jüngsten Freischießen-Haupttag verliehen wurden, wieder individuelle Stücke dar, die wie ihre „Vorgänger“ in Kleinigkeiten voneinander abweichen.

Die Begierde des Objektes – schließlich will in Minden fast jeder Aktive einen der beiden Königsschüsse abliefern – nimmt rund 30 bis 40 Stunden je Orden in Anspruch. Das Werkstück wandert dabei durch die Hände von Handgraveur, Goldschmied und Polier. Eine neue Form wird erstellt, Silber- und Goldteile müssen aufgesetzt und miteinander befestigt werden. Mit Kugelpunzen werden Vertiefungen gemacht. Es wird gefräst und mit dem Stichel werden die entsprechenden Gravuren gezogen. Und dann liegen sie glänzend auf einer Auslage, die beiden neuen Königsorden des Mindener Freischießen, die diesmal erstmals vom Juwelier Laufer gefertigt wurden. Eine Tatsache, die Junior-Chef Olrik Laufer besonders stolz macht: „Es ist uns eine Freude, diese Orden für die Mindener Könige fertigen zu dürfen. Sie sind unbestritten die individuellsten und schönsten Orden, die man herstellen kann.“ Und Stadtmajor Wolfgang Meinhardt zeigte sich beeindruckt von der erstklassigen handwerklichen Arbeit: „Zwei wunderschöne Königsorden.“

Im Übrigen lässt es sich Juwelier Laufer beim Freischießen nicht nehmen, die neuen Majestäten beim Umzug durch die Innenstadt direkt im Anschluss an die Proklamation bei sich zu empfangen. Dabei wurden dem 1. König wie schon vor zwei Jahren ein von Silberschmied Manfred Hinderer gefertigter Bierbecher und dem 2. König eine „Mindener Stadtuhr“ überreicht.

Bataillonsbefehl

Vor über 100 Jahren fand das Freischiessen vom 29. Juli bis 5. August statt. Auf 4 Seiten wurde …

Bataillonsbefehl

Vor über 100 Jahren fand das Freischiessen vom 29. Juli bis 5. August statt.

Auf 4 Seiten wurde kurz und präzise alles benannt, was für das Fest von Bedeutung war.

So z.B. zum Schiessen: “Jeder am Schießen theilnehmende Bürger zahl an die Kompanie-Kasse den Betrag von 25 Pf. Die Hälfte der Gesammt-Einnahme erhält der Büchsenspanner als Entschädigung für Mühe und Auslagen, während die andere Hälfte der Kompanie-Kasse zur Bestreitung von Kompanie-Bedürfnissen verbleibt.”

und weiter…u. a. zum Thema “Wache” “Der Musik und den Tambours ist bei hoher Strafe auf´s Strengste untersagt, beim Hereinmarsch der Wachen weiter als bis vor das Rathaus zu spielen bezw. zu trommeln.”

Stadtmajor war damals Karl Krause.

Könige wurden 1900
1. König Sergeant Carl Beste 1. Kp. Photograph, Bäckerstr. 13
2. König Bürger Wilhelm Völker 1 Kp. Mechaniker, Friedrich-Wilhelmstr. 35

325 Jahre Mindener Freischießen

Die ganze Bürgerschaft zog am 28. Juli 1682 auf die Simeonsmarsch hinaus und schoss, so der Wortlaut der Chronik, „ daselbst nach der Scheibe, wobei der Amtmeister Stolte den besten Schuss tat, und, mit einem grünen Kranze geschmückt, in die Stadt feierlich zurückgeführt wurde.“ Johan Stolte war ein außerordentlich aktiver Bürger seiner Vaterstadt.

325 Jahre Mindener Freischießen

Als man von der Schießprämie noch 50 Schafe kaufen konnte…

Die ganze Bürgerschaft zog am 28. Juli 1682 auf die Simeonsmarsch hinaus und schoss, so der Wortlaut der Chronik, „ daselbst nach der Scheibe, wobei der Amtmeister Stolte den besten Schuss tat, und, mit einem grünen Kranze geschmückt, in die Stadt feierlich zurückgeführt wurde.“ Johan Stolte war ein außerordentlich aktiver Bürger seiner Vaterstadt. Von Beruf Schmiedemeister und Obermeister seiner Innung, bekleidete er außerdem viele Ehrenämter. So war er Vorstandsmitglied der Heiligen-Geist-Stiftung, die sich der Betreuung von Armen und Kranken widmete. Er leitete die bedeutendste Mindener Sterbekasse und gehörte ständig verschiedenen Ausschüssen an. An den Beschlüssen über das Freischießen wirkte er mit. Auch bekleidete er ab 1693 das Amt des “Direktors der Stadtoffiziere”, das – wie wir wissen – dem heutigen Stadtmajor vergleichbar ist. Die Steuerbefreiung für seinen besten Schuss brachte Johan Stolte als sicherlich wohlhabendem Mann eine Ersparnis von 13 Talern. Zu dieser Zeit wurden ein Schaf mit einem und ein Pferd mit sieben Talern bezahlt.

Gemessen an diesen Werten muss man die kurfürstliche Verordnung der Schießprämie von 50 Talern als erhebliche Aufwertung des jungen Mindener Freischießens ansehen. Von nun an wurde das Fest jährlich gefeiert und der Sieger ab 1683 als “König” bezeichnet. Selbstverständlich ließen die an Ordnung gewöhnten Mindener solch ein Fest nicht einfach laufen, sondern sie stellten strenge Regeln der Fröhlichkeit auf, die sich im Prinzip bis heute gehalten haben. Das Freischießen erhielt seine erste feste Ordnung in einem vom Rat der Stadt Minden erlassenen Reglement von 1689. Es ist wohl als die Grundlage aller späteren Veranstaltungen zu betrachten. Allerdings bezieht es sich nur auf Ausmarsch, Schießen und Einmarsch. Zunächst wird das Schießen selbst behandelt. Es wurde mit den Schüssen des Königs, des Bürgermeisters, des Rats und des Stadtsekretärs eröffnet. Die Quartierherren, die ebenfalls dem Rat angehörten und damals noch die “Kapitäns” ihrer Quartierkompanien waren, schossen als erste ihrer Kompanien, ihnen folgten die Kompanieoffiziere, Leutnant und Fähnrich. Einzelne Bestimmungen über das Schießen, das korporalschaftsweise vorgenommen wurde, beziehen sich zum Beispiel auf das Versagen der Büchse, wofür ein Mariengroschen bezahlt werden musste, auf die Prüfung der beiden Scheiben, die Erwähnung des Königs, der von der ganzen Bürgerschaft und den beiden Feuerherren nach Hause geleitet wurde.

Den Beschluss des Reglements bilden Vorschriften über die Disziplin der Wache, zu der jede Kompanie drei Mann zu stellen hatte; sodann das Verbot, auf dem Schützenplatz Branntwein zu verschenken oder Kegel zu schieben – offenbar beides beliebte Missbräuche. Die Teilnahme am Ausmarsch und am Schießen war Pflicht. Hiervon waren nur befreit die Witwen ohne Söhne, die für sie eintreten konnten, die Kranken, die Verreisten, die aber die Notwendigkeit ihrer Reise nachweisen mussten, Arbeitsleute und Brauknechte, die gerade in der Brauarbeit begriffen waren, der Leggemeister, der seine Linnenlegge nicht verlassen durfte, sowie einige Leute vom Nordholz und die Dammknechte. Wer von den anderen Bürgern vorsätzlich vom Ausmarsch und Schießen fernblieb, gegen den wurde mit der Exekution der Pfändung vorgegangen.

Eine interessante Ergänzung zu diesem Reglement von 1689 bringt dann das Memorial-Hauptbuch der Stadtoffiziere von 1693. Darin werden unter dem Jahr 1704 die Vorbereitungen zum Scheibenschießen eingehend angegeben. Am 9. Juni 1704 hatte der Bürgermeister die Stadtoffiziere angewiesen, der Bürgerschaft durch die Korporale ansagen zu lassen, sich am nächsten Dienstag, 17. Juni, mit Ober- und Untergewehr, bei einem Taler Strafe, fertig zu halten für den Ausmarsch zum Scheibenschießen. Der Befehl ist ausgeführt worden. Am 17. Juni um 4 Uhr morgens wurde die Vergatterung geschlagen. Jeder Offizier fand sich um 6 Uhr auf dem Musterungsplatz ein, stellte seine Kompanie auf, jedes Rott zu 40 Mann, mit zwei Korporalen und einem Vizeleutnant. Vor dem Abmarsch war der Kompanie verboten, auf dem Marsche zu schießen, Tabak zu rauchen oder sich ungebärdig zu benehmen. Um 7 Uhr musste jeder Leutnant mit seiner Kompanie auf dem Großen Domhof stehen. Darauf erfolgte der Ausmarsch. Wenn dann das “ganze Regiment” draußen auf dem Schießplatz war, verlas der Stadtsekretär vor der gesamten Bürgerschaft die Artikel des besprochenen Reglements. Danach wurden zur Fahnenwache kommandiert die “Gefreiten, die auf den Wachen zu Gefreiten sich gebrauchen lassen”. Unterdessen hatte der Fiskal draußen auf dem Schießplatz für die Herren Stadtoffiziere eine Mahlzeit beschafft. Dafür erhielt er vom Kollegium der Stadtoffiziere einen Taler. Für das Geld wurden gekauft 12 Pfund Rindfleisch, ein halbes Kalb, zwei Schüsseln Salat mit Baumöl und Essig, 6 Pfund Käse, 2 Pfund Butter, Pfeifen und Tabak. Was übrig blieb vom Geld, erhielt der Fiskal für seine Bemühungen.

Als Vorbereitungen zum Freischießen sind noch folgende Einzelheiten verzeichnet: Die Scheiben, die 160 Schritt vor den Schießpfählen stehen mussten, und die Dielen für das Ratszelt lieferte das städtische Bauamt. Die Kämmerei beschaffte die “Braken zu den Zelten” (wohl die Reiser zum Ausschmücken der Zelte). Die Bierlieferung erhielt ein vom Rat benannter Bürger, der die Braugerechtigkeit besaß. Die Stadtoffiziere stellten die Musikanten, die 6 Taler bekamen, außerdem die Tische, Stühle und Trinkgefäße. Den Aufbau und die Aufwartung besorgten die städtischen Wächter, von denen zwei die Schüsse notieren mussten. Sie bekamen dafür 6 Groschen, die anderen Wächter je 3 Groschen und der Kuhlengräber für die Aufstellung der Tische auch 3 Groschen. Die Stadt gab den Stadtoffizieren für das Festmahl 4 Reichstaler und eine Tonne Bier. Was sie für die Tamboure ausgaben, erhielten sie vom Magistrat ersetzt.

Im Zuge einer gewissen Demokratisierung war vom Magistrat und den Stadtverordneten am 26. Mai 1848 ein Statut der “Bürgerwehr in dem Stadtgebiet Minden” erlassen worden. Dieser Begriff setzte sich jedoch nicht durch, obwohl Rechte und Pflichten der Kompanien und der Eskadron erhalten blieben. Über die Aufgaben dieser “Bürgerwehr” gab es im Statut eine eindeutige Aussage: “Zweck und Pflicht der Bürgerwehr ist, für die Ruhe und Ordnung, Sicherheit der Person und des Eigentums sowie bei entstehender Feuersgefahr für Rettung und Löschung Sorge zu tragen.” Der hier angesprochene Einsatz bei Feuergefahr gehörte zu den traditionellen Aufgaben der Kompanien. Schon nach der Feuerordnung vom Jahre 1639 lag die Leitung der Brandbekämpfung in den Händen der “Stadtoffiziere”. Das galt auch für das 18. und 19. Jahrhundert.

In den Anfangszeiten der großen Mindener Stadtfeste spielten finanzielle Probleme eine wesentliche Rolle. So wurde das Fest von 1711 bis 1729 wegen des “schwer verschuldeten Gemeinwesens” ausgesetzt. 1730 ging es wieder weiter, und drei Jahre später wurde erstmals um zwei Kronen geschossen. Eine neue silberne Krone hatten die Bürger aus Geldern für Bollwerksdienste angeschafft. Im Laufe der Jahrhunderte musste das Freischießen aus verschiedenen Gründen hin und wieder ausfallen. So auch 1735. Man schoss daher im nächsten Jahr zwei Könige aus und setzte dem zweiten König die “alte”, aus Messing gefertigte Krone auf, wie es auch heute wieder üblich ist.

Die Zeiträume – ein- oder zweijährig – wechselten wie auch die Plätze des Freischießens in diesen Jahren. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich das Mindener Freischießen allmählich zu dem Fest, wie wir es heute kennen. Die wenigen Berichte, die aus den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts vorliegen, schildern meist mit großer Begeisterung das schöne Bürgerfest des Freischiessens auf der Königswiese (Schweinebruch). In dieser Zeit wurde das Freischießen schon alle zwei Jahre abgehalten. Es nahm an Umfang immer mehr zu. Auf der Königswiese waren wohl über 50 Buden und Zelte, darunter das Ratszelt und drei Tanzzelte. Der Platz machte einem zeitgenössischen Beobachter von ferne den Eindruck eines kleinen Feldlagers. Die Ausdehnung wird dazu geführt haben, dass das Freischießen auf Kanzlers Weide verlegt wurde. Hier fand es zum ersten Male im Jahre 1841 statt.

Ein Ereignis beim Freischießen im Jahre 1867 soll noch herausgehoben werden, weil es einmalig in der Geschichte des Bürgerbataillons ist. Die Auseinandersetzung um die Königsproklamation brachte dem Bürgerbataillon 1868 ein noch heute gültiges Statut. Wenn am Haupttag das große Mindener Volksfest seinen Höhepunkt erreicht und der ehrgeizige Wettstreit um Krone und Talerprämie mit dem besten Schuss entschieden ist, dann ist die Herrschaft über die Stadt Minden auf zwei neue Regenten übertragen worden. Jeder weiß, in Minden werden keine Könige “gemacht”. Viele Nachkriegskönige sind ein Beispiel dafür, dass man bei der Königsproklamation nicht auf den Geldbeutel achtet. Eine unparteiische Schießkommission nimmt die optische Auswertung der Schießergebnisse auf 1/1000 mm Genauigkeit vor.

So fanden auch alle aus der über 300jährigen Freischießen-Geschichte überlieferten Königskrönungen in bester Eintracht statt, bis auf ein Freischießen, als es am Haupttag, am 17. Juli 1867, auf dem Festplatz um die Königsproklamation zu einer Auseinandersetzung kam, die in einer offenen Meuterei einiger Stadtoffiziere und ihrer Kompanien endete. Es ging um die Frage, wer wohl König würde. Die besten Schützen seien keine “selbständigen Bürger” gewesen. Letztlich wurden sie aber zu Recht als Könige anerkannt. Im Zusammenhang mit diesen Vorfällen dürfte das neue Statut für die Bürgerkompanien, das am 14. Mai 1868 von den städtischen Kollegien erlassen wurde und in dem unter anderem auch die Teilnahme am Freischießen sowie die Königsfrage geregelt wurden, stehen. So haben diese Bestimmungen ihre Gültigkeit bis zu dem heutigen Tage behalten, an dem nach den gleichen Grundsätzen die neuen Könige “ausgeschossen” werden. Hatten der Magistrat und die Stadtverordnetenversammlung das Leben im gesamten Bürgerbataillon geregelt, so gaben sich neun Jahre später die Stadtoffiziere zusätzlich ein eigenes Statut, in dem der Abschnitt über die Stadtoffiziere der Satzung von 1868 wörtlich übernommen wurde. Diese beiden “Grundgesetze” des Mindener Bürgerbataillons haben sich in ihrem Inhalt nun schon weit über hundert Jahre gehalten, wobei selbstverständlich Konzessionen an die politische, wirtschaftliche und technische Entwicklung der Zeit nicht ausblieben. Aber eines ist geblieben, was das Mindener Tageblatt 1954 in einem seiner Berichte feststellte: “Das Fest der Feste aller Mindener.”