6. Kompanie / Quartier

Die Fischerstadt

Quartier der 6. Kompanie (Fischerstadt aus Minden)

Das ureigenste Revier der VI. Bürgerkompanie im Mindener Bürgerbataillon ist die Fischerstadt. Im damaligen Sprachgebrauch wurde das Gebiet auch als „Flinte“ bezeichnet.

In der Fischerstadt waren 1682 nach einem Besitzverzeichnis Mindener Bürger aus dem Jahre 1663 ca. 60 Familien ansässig. Diese Zahl ist auch aufgrund des Stadtplanes von Wenzel Hollar um 1656 nachvollziehbar, da dort ca. 50 bewohnbare Häuser auszumachen sind. Wenn man davon ausgeht, dass zu jeder Familie damals durchschnittlich 5 Personen zählten, waren in der Fischerstadt ca. 300 Personen ansässig.

Deutlich sichtbar ist auf dem alten Stadtplan auch die abseitige Lage der Fischerstadt, und es wird klar, dass dieser Stadtteil in der Vergangenheit ein besonderes Eigenleben geführt hat. In der Fischerstadt gab es ein eigenes Rathaus mit einer eigenen Gemeindeversammlung, eigenem Rat und Bürgermeister. Der Stadtteil war berechtigt, ein eigenes Banner und ein eigenes Siegel zu führen. Sogar über ein eigenes kleines Gefängnis verfügte die Fischerstadt. Die Verbindung zur Kernstadt stellte ein Tor her, das sich ungefähr an der Stelle befand, wo heute die Straße am Fischertor zur Schlagde hinunterführt. Ihren Lebensunterhalt verdienten sich die Fischerstädter als Fischer, Schiffer und Schiffmüller. In der Fischerstadt gab es schon damals einen eigenen Fischmarkt.

Trotz des Eigenlebens war das Schicksal der Fischerstadt eng mit der Gesamtstadt Minden verknüpft. Mit ihr hat sie gute und schlechte Zeiten erlebt. Es ist aber bemerkenswert, dass sie als Vorstadt, namentlich solange sie noch nicht in die starken Befestigungsanlagen einbezogen war, besonders unter feindlichen Angriffen und Übergriffen zu leiden hatte. Die Fischerstadt erschien immer als leichte Beute, doch die Angreifer hatten ihre Rechnung ohne die Tapferkeit der Fischerstädter gemacht. Das bekam besonders 1383 der Graf Erich von Hoja zu spüren, der aus Rache für den Verlust der Burg Diepenau und des Ortes Uchte, die damals noch unbefestigte Fischerstadt anzündete. Trotz des Brandes wurde der Angriff von den tapferen Fischerstädtern abgewehrt.

Dieser Überfall war Anlass, die Fischerstadt in die Stadtbefestigung einzubeziehen. Die größte Ruhmestat der Fischerstädter war aber die erfolgreiche Abwehr des Angriffs Herzog Philipp von Braunschweig 1552. Der Herzog hatte die Stadt Minden angegriffen und schon die Vorstädte d.h. die bäuerlichen Siedlungen am Simeons- und Marientor eingenommen, kam aber an die eigentliche Stadt nicht heran. Jetzt glaubte er, in der Fischerstadt den schwachen Punkt in der Stadtverteidigung entdeckt zu haben und griff dort an. Wieder hatte der Angreifer seine Rechnung ohne die Fischerstädter gemacht. Sie schlugen alle Angriffe ab, und es gelang dem Herzog nicht, Minden mit Waffengewalt einzunehmen.

Der besondere Status der Fischerstädter kommt in dem so genannten „Fischer Stadt Gerechtigkeit Buch“, das heute Eigentum des Staatsarchivs Münster ist, am deutlichsten zum Ausdruck. Das Buch wurde im Jahre 1647 angelegt und enthält Privilegien und Gerechtigkeiten von 1564 an, die durch den kaiserlichen Notar Tilmann Dannenberg am 17. und 18. Oktober 1648 in Petershagen beglaubigt worden sind.

Das Buch kann in drei Abschnitte gegliedert werden:

Erstens, die Bestimmungen, die das Verhältnis der Fischerstadt zur Gesamtbürgerschaft regeln. Sie geben Antwort auf die Frage: Welche Stellung nahm die Fischerstadt gegenüber der Gesamtstadt ein?

Zweitens, die große und wichtige Gruppe der Statuten, die sich auf die Fischerei, Schiff-Fahrt und die Schiffmühlen beziehen, und dass die Bewohner eine Art Gilde oder Innung der Fischer bilden.

Drittens, eine Aufzeichnung über die Organe der Fischerstadt.

Aber auch allgemeine Bürgerpflichten hatten die Fischerstädter zu erfüllen. Sie mussten Bollwerk, Befestigungsdienste, Feuer- und Löschdienste leisten, die Stadt verteidigen helfen und nicht zuletzt Steuern zahlen. Als die Stadt für die Leistung der angeführten Dienste und Abgaben in verschiedene Viertel bzw. Quartiere eingeteilt wurde, bildete die Fischerstadt ein eigenes Quartier, und zwar das sechste, aus dem später die VI. Bürgerkompanie hervorging. Sie hatte als Offiziere im 17. Jahrhundert einen Lieutenant und einen Fähndrich. Dazu kamen einige Corporale.

Die Eigenverwaltung der Fischerstadt endete mit der Einführung des „Preußischen Stadtreglements von 1723“, das sowohl für die Stadt Minden als auch die Fischerstadt 1737 Gültigkeit bekam.

Mit der Aufhebung der Quartiere und der Einführung von Bürgerkompanien ist die 6. Kompanie dem Fischertorschen Quartier zugeteilt. Sie wird auch als Grimpenkompanie bezeichnet.

Die Geschichte der VI. Bürgerkompanie und des Mindener Bürgerbataillons beginnt mit dem ersten Freischießen 1682. Ihr muss aber eine geschichtliche Tatsache vorangestellt werden, die bei der Restaurierung der alten Fahne aus dem Jahr 1802 entdeckt wurde. Auf dem Fahnentuch befindet sich ein Hinweis, dass die Grimpen in der Fischerstadt bereits 1608, also lange vor dem ersten Freischießen, ein Bürgerschießen durchführten. Wie der Sieger geehrt wurde und ob er sich König nennen durfte, ist nicht bekannt.